Ich betrete die Moritzkirche in Halle und stehe vor einem weißen Nashorn. Ja, riesig, noch größer und maßloser als das rote Plakat, welches draußen an der Rüstung hängt und auf dem „WIR festival“ steht. Das ist jene Veranstaltung, die der gute Mensch besucht, wo er Haltung zeigt. Wofür? Gegen rechts und den sogenannten Faschismus natürlich. Gemeint ist die Büchermesse Seitenwechsel. Was hat es aber nun mit dem Nashorn auf sich? Dabei handelt es sich um eine Installation des israelischen Künstlers Itamar Gov, mit der dieser derzeit durch das Bundesland tourt.
Nun steht es da so rum und laut MDR-Bericht ist der Betrachter beunruhigt, gerade durch seine rein weiße Sterilität, außerdem trage die musikalische Umrahmung zu diesem unsicheren Gefühl bei. Eher nicht. Alles daran ist absurd, die Kirche, die ihre Räume für solche Kunst zur Verfügung stellt, das Nashorn selbst, das sowohl von Dürers gepanzertem Nashorn als auch von dem Theaterstück „Die Nashörner“ von Eugène Ionesco inspiriert sei. In dem Stück verwandeln sich opportunistische Menschen in Nashörner. Im MDR-Beitrag heißt es wenig überraschend weiter: „Es sind diese Widersprüche, mit denen der 1989 in Tel Aviv geborene Künstler die fragilen Grenzen zwischen Fakt und Fiktion, Erinnerung und Vorstellung hinterfragt. Die Musik sei süß – aber auch beängstigend, sagt Gov. Und auch das Nashorn sei ein riesiges Monster – aber am Ende ist es aus Luft und überhaupt nicht gefährlich. Der Untertitel der Ausstellung „Ein Märchen von Banalität und Bösem“ ist zudem eine Anspielung auf Hannah Arendt. Die Philosophin beschrieb in ihrem Buch „Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen“, wie ein Bürokrat, der in seiner Amtsstube sitzt und eigentlich gar nichts Böses meint, trotzdem zum Mitläufer wird.“ Natürlich darf Hannah Arendt nicht fehlen, das bekannte Bild mit der Zigarette, was wäre die Volkspädagogik ohne sie. Das weiße Nashorn also, es ist das Banale und deshalb Böse, wie Trump, meint der jüdische Künstler außerdem. Fehlt eigentlich nur noch Höcke in der Beweisführung. Das Ganze findet also nicht zufällig statt: „Nicht ohne Grund geht das Nashorn auf Tour durch Sachsen-Anhalt, erklärt Annegret Laabs (Kunstmuseum Magdeburg). „Rhinocerisieren heißt im Hebräischen, sich totalitärem Gedankengut zu nähern, Meinungen unhinterfragt aufzunehmen und weiterzuverbreiten.“ Mit Blick auf die anstehenden Landtagswahlen solle das Nashorn deshalb dazu einladen, sich über aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen auszutauschen.“ Daher weht also der Wind.
Aber das Nashorn an sich, ist das nun Kunst oder nicht? Gottfried Benn dazu: „Kunst ist das Gegenteil von gut gemeint.“ Heute ist aber alles gut gemeint. Die ganze Kultur ist größtenteils eine einzige gut gemeinte Veranstaltung. Man will aufrütteln und empowern und dekolonisieren und Bewusstsein schaffen, und am Ende bleibt nur eine riesige aufgeblasene Leere, ein Nashorn in der Kirche, das niemanden mehr provoziert, weil es ja so gut gemeint ist. Aber wir haben heute keinen Benn, wir haben WIR und die Förderanträge und die Zivilgesellschaft, in denen lauter kleine Opportunisten lauern, lauter kleine Nashörner, die herumtrampeln und sagen: Wie wunderbar vielfältig wir doch sind. Und wenn jemand kommt und fragt, ob das Kunst sei oder nur Steuergeldverschwendung mit gutem Gewissen, dann schaut man denjenigen an wie einen Aussätzigen.
Claudia Schmidt, CDU-Abgeordnete aus Halle, nahm nun das Kunstwerk zum Anlass, um im aktuellen Wahlkampf einen Punkt gegen die AfD zu machen. Im Stil eines modern geschnittenen „Reaction“-Videos – Streitgespräche sind ja überbewertet, man kommuniziert über Instagram – macht sie sich über die Blauen lustig, zitiert aus dem Kulturprogramm, in dem es grob heißt, dass „Kunst einen Beitrag zur Identitätsstiftung zu leisten habe.“ Das ist offensichtlicher Unsinn, über den man sich natürlich lustig machen kann. Welchem Kunstbegriff hängt aber die Abgeordnete an? Sie redet von der Autonomie der Kunst, die keinen Zweck zu erfüllen hat. Gut, aber im nächsten Satz widerspricht sich die Politikerin, wenn sie von der Kunst verlangt, Aufgaben zu übernehmen wie „aufrütteln, zum Nachdenken anregen und irritieren“, also es wieder gut meinen. Hätte sie angeführt, dass sich Kunst an Form, Meisterschaft und Schönheit (und Wahrheit und Ordnung etc.) zu orientieren habe, wäre man zufrieden gewesen, immerhin sind CDU-Politiker doch konservativ, oder etwa nicht. Gerade in einem Gotteshaus steht aber nun ein Stück Plastik ohne jedweden Bezug zu Gott, an dem es um Transzendenz geht, wo es um das Wort, den Logos, gehen sollte. Aber gut, der Herr hatte in seinen Häusern immer schon vielfältigste Besetzungen zu dulden. Welchen Unterschied macht es da, ob Kirchen aktuell von einem faschistischen, sozialistischen oder nun demokratischen Geist in Beschlag genommen ist. Es geht doch beim Nashorn um unsere Demokratie. Ikonoklasmus, Entweihung, Profanierung, alles schon dagewesen und ständige Begleiter. Nur dass diesmal keine Barbaren oder Revolutionäre kommen (auch wenn man sie pausenlos beschwört), sondern Kuratoren mit Fördergeldern und guten Absichten.
Wie dem auch sei, ich stehe hier etwas schwerer atmend als sonst vor einem nihilistischen, aber immerhin doch „gut gemeinten“ Zeichen der Sinnentleerung mitten im Haus der Sinnstiftung. Memento mori – nur dass es nicht an den Tod erinnert, sondern an die eigene Lächerlichkeit. Und die eine ist nicht besser als die andere. Keine Kraft in Sicht, die sich klassisch orientiert.
„Über uns schwebt ein ziemlich großes Nashorn“, schließt Fr. Schmidt ihr Video mit leicht bedeutungsschwerer Stimme ab. Finde ich nicht, ich bin der Meinung, die Rollen sind für jeden gut sichtbar verteilt – der Chor, das Opfer, das Nashorn, der Prediger.
Draußen im gewöhnlichen Licht angekommen stehe ich noch eine Weile davor. Ich muss doch zugeben, dass ich staune und diese Spannung auch ein wenig genieße. Ich habe mich also noch nicht verwandelt, bin noch nicht ganz Nashorn geworden. Diese unversöhnlichen Zeiten, eigentlich wünsche ich mir, dass es einmal mal richtig kracht. Und dann die Kirche sich wieder nach oben orientieren darf. Eher wird wohl alles jämmerlich so weitergehen. Was mich mehr beunruhigt als diese langweilige Kulisse in der Kirche: Keiner da, der das Nashorn einfach grinsend zum Platzen bringt. Es wird einfach Luft verlieren, dann wird man es einpacken und irgendwo anders aufblasen, wird es wieder gut meinen damit.
„Ihr habt den Glauben an alles Große verloren; so müßt ihr hin, wenn dieser Glaube nicht wiederkehrt, wie ein Komet aus fremden Himmeln.“






