Der 2. Juli 1789 markiert eine jener Szenen der Revolutionsgeschichte, in denen Mythos und Wirklichkeit kaum mehr voneinander zu trennen sind. Wie der Biograph Volker Reinhardt berichtet, hatte der Marquis de Sade seine Zuschauerrolle satt. Aus dem Fenster der Bastille rief er, in dem berüchtigten Pariser Gefängnis würden Gefangene ermordet; auch er selbst stehe kurz davor, auf Anweisung des Kommandanten Bernard-René de Launay erwürgt zu werden. Das Volk möge ihm zu Hilfe eilen. Zwei Tage später wurde der renitente, wegen Sittlichkeitsdelikten einsitzende Marquis unter Verlust seiner Manuskripte in eine Irrenanstalt verlegt. Nach dem Willen der alten monarchischen Gewalt sollte der Marquis den Rest seiner Tage unter Geisteskranken verbringen. Sein Einlieferungsschein trug den amtlichen Vermerk: „Dauer unbegrenzt“. Wenige Monate später geriet die Monarchie ins Wanken; die Französische Revolution, deren Vorzeichen de Sade mit seinem theatralischen Auftritt selbst mitverkörpert hatte, begann. Am 2. April 1790 kam er nach elf Jahren, sieben Monaten und acht Tagen wieder auf freien Fuß. Den Sturm auf die Bastille vom 14. Juli 1789 deutete de Sade später zu seinem persönlichen Mythos um: Ausgerechnet er habe den Sturz der Willkürherrschaft eingeleitet und stilisierte sich später zum Auslöser der Französischen Revolution.
Das Spätwerk in Charenton: Die Marquise de Gange
Im April 1803 wurde der Marquis de Sade in die Irrenanstalt Charenton-Saint-Maurice eingewiesen, die er bis zu seinem Tod nicht mehr verlassen sollte. In Charenton genoss de Sade eine vergleichsweise humane Behandlung. Der einstige Skandalautor und Gefängnisinsasse bewegte sich dort mit überraschenden Freiheiten, schrieb weiter – darunter drei große Romane, die erst nach seinem Tode veröffentlicht wurden –, inszenierte Theateraufführungen und arbeitete an Texten, die seine zentralen Obsessionen erneut sichtbar machen: die Verstrickung der Tugend in das Verbrechen, die Erotik der Macht und die Lust an der moralischen Umkehrung. Anders als in seinen Frühwerken dominiert nicht länger die offene Perversion, sondern sein Alterswerk orientiert sich an philosophischen Fragestellungen und der Darstellung „existenzieller Grenzerfahrungen“.
Grausamkeit als Kunstwerk – Zur literarischen Strategie de Sades
Besonders deutlich zeigt sich das im historischen Roman Die Marquise de Gange, in dem de Sade einen realen Kriminalfall aus der Frühzeit Ludwigs XIV. aufarbeitet und ihn mit literarischen Akzentuierungen verarbeitet. Schon das Vorwort ist aufschlussreich. De Sade bemüht sich mit Nachdruck, den Charakter seines Romans gegen den Vorwurf bloßer Sensationsliteratur zu verteidigen. Was er vorlegt, sei kein Roman, sondern historische Wahrheit. Die Ereignisse seien in den berühmten Causes célèbres – eine Sammlung spektakulärer Gerichtsfälle – dokumentiert; ganz Europa habe über den Fall gesprochen. Zugleich beansprucht de Sade, den Fall wahrheitsgetreuer darzustellen als seine Vorgänger.
Diese Strategie ist typisch für de Sade. Er präsentiert sich als nüchterner Chronist und rechtfertigt zugleich den „romanhaften Anstrich“ seiner Darstellung mit der Natur der Tatsachen selbst. Die Wirklichkeit sei schrecklicher als die dichterische Übertreibung. Mit dieser demonstrativen Versicherung verrät er die eigentliche Absicht des Textes: Er inszeniert sich als moralischer Erzähler, während er zugleich die ästhetische Anziehungskraft des Grauens ausstellt.
Euphrasie de Gange – Märtyrerin der Tugend
Im Mittelpunkt der Handlung steht Euphrasie de Gange, die de Sade gegenüber den historischen Quellen zur vollkommen tugendhaften Heldin stilisiert. Anders als die von Lust getriebenen Figuren seiner Skandalwerke inszeniert er sie als ein Märtyrerbild weiblicher Unschuld, in einer Welt, in der selbst Tugend keinen Schutz bietet und gerade dadurch den Untergang fast magisch anzieht. Sowohl ihre Peiniger als auch ihre drei Brüder spekulieren auf ihr Erbe, und es entfaltet sich ein durch Habgier, Intrigen und falsche Anschuldigungen geprägter Spannungsbogen, der Schritt für Schritt fast ritualisiert auf die Vollstreckung ihres geplanten Mordes zuläuft.
De Sade interessiert weniger die kriminalistische Auflösung als die Dramaturgie der Grausamkeit. Die Brüder zelebrieren den Tod ihrer Schwester wie ein Kunstwerk; sie gewähren ihr die Wahl zwischen Feuer, Eisen und Gift und verwandeln den Mord in ein Schauspiel sadistischer Macht. Zwar verzichtet der Roman auf die offene sexuelle Ausschweifung der bekannten Hauptwerke, doch bleibt die machtförmige Gewalt deutlich erotisiert. Das Leiden der Marquise und die Todesangst steigern die Intensität, gerade deshalb, weil sich die Täter an der Hilflosigkeit des Opfers regelrecht berauschen. Euphrasie darf nicht einfach sterben; ihr Todeskampf wird systematisch unterlaufen und von Neuem begonnen – eine Wirkung, die durch die Verweigerung eines würdevollen christlichen Sterbens zusätzlich verstärkt wird.
Schlüsseltext des späten de Sade
Hier erhält das Vorwort erneut Relevanz. De Sade behauptet als unzuverlässiger Erzähler, er habe die Geschichte ausgeschmückt, um die Handlung für den empfindsamen Leser erträglicher zu machen. Tatsächlich geschieht das Gegenteil: Die ästhetische Ausgestaltung intensiviert die Grausamkeit und verwandelt das historisch reale Verbrechen in ein ritualisiertes Schauspiel. Zwar erhalten die Brüder am Ende die göttliche Vergeltung, die das zuvor geschilderte Leid nicht aufwiegt und de Sades ironisches Spiel mit seiner Rolle als Moralist unterstreicht.
Deshalb bleibt Die Marquise de Gange ein aufschlussreicher Schlüsseltext des späten de Sade. Hinter der demonstrativen Moral, historischen Versicherungen und der scheinbaren Rehabilitierung der Tugend arbeitet weiterhin die Faszination für Gewalt und psychologische Enthemmung, die sein gesamtes Werk durchzieht. Der vorliegende Roman zeigt allerdings eine psychologische Beobachtungsgabe für eine Welt, in der Tugend und Verbrechen ineinandergreifen. Diese perspektivische Feinheit ist in den meisten Werken de Sades nicht gegeben.
Die Neuauflage und Wiederlektüre erscheint umso relevanter, da sich seit einiger Zeit eine erneute Konjunktur de Sades andeutet. Mit Claudia Bossards Inszenierung von Peter Weiss‘ Marat/Sade – die nicht überzeugt – kehrt die Figur des Marquis auf die Bühne zurück. Zugleich legt der Verlag Matthes & Seitz mit seiner Reihe Dark Adult, als Gegenpol zu den New-Adult- und Dark-Romance-Romanen, Texte de Sades und andere grenzüberschreitende Texte neu auf und integriert sie in die aktuellen Debatten um Grenzüberschreitungen, sexuelle Gewaltästhetik und literarische Radikalität. Bemerkenswert ist dabei, dass de Sade – abgesehen von den Arbeiten von Volker Reinhardt und Peter Weiss – vergleichsweise wenig umfassend aufgearbeitet wurde. Wenn überhaupt kulturelle Bezugnahmen auf de Sade erfolgten, reduzierten sie ihn meist – verständlicherweise – auf seine Rolle als Pornograph. Deshalb lohnt der Blick auf Texte wie Die Marquise de Gange: Sie zeigen de Sade weit mehr als bloße literarische Provokation oder kulturelle Skandalfigur, als eine Figur, an der die Abgründe einer Gesellschaft sichtbar werden, die an der Schwelle der Moderne steht.






