Eigentlich wollte ich nicht mehr so schnell den Fuß in das Kunstmuseum Moritzburg in Halle setzen. Schreckte mich doch ein Erlebnis beim Besuch im Juni dieses Jahres massiv ab. Eigentlich. Nun gibt es dort aber eine interessante Ausstellung zu Edmund Kesting – „Edmund Kesting. Avantgardist“.

Das erste Mal sah ich von ihm vor vielen Jahren Fotografien bei einer Kollegin über dem Schreibtisch hängen. Diese Mehrfachbelichtungen, diese Bildkompositionen faszinierten mich. Doch zog das keine Beschäftigung mit Kesting nach sich. Später einmal.

Ein um das andere Mal lief er mir über den Weg, als ich Bildbände zu Dresden vor und nach dem Februar 1945 in der Hand hielt. Diesen Januar betrachtete ich seine Aufnahmen von Dresden bei Nacht, im Licht starker Scheinwerfer, in teils hartem Schwarz-Weiß, die Skelette und Schädel über den Trümmern der Stadt. Das Horch-Automuseum in Zwickau zeigte Werbefotografien, die er im Auftrag für die namensgebende Firma aufnahm. Ikonisch. Avantgarde. Ist er es aber auch mit seinem gesamten Werk?

In der Ausstellung im Kunstmuseum sollen neben den fotografischen Arbeiten auch Zeichnungen, Gemälde, Collagen und Assemblagen gezeigt werden, die bisher weniger bekannt sind, aber natürlich zu Person und Werk gehören.

Etwas zwiegespalten entschließe ich mich, nach Halle zu fahren, denn die gezeigte Kunst kann ja nichts für die Museumsleitung und die Zeit, in der wir leben.

Ich nehme nicht die Straßenbahn in die Innenstadt, sondern laufe die Fußgängerzone der Leipziger Straße entlang. Vorbei an Bürgerhäusern der Jahrhundertwende um 1900. Ich versuche, ein Gefühl für Stadt und Leute zu bekommen. Die Stände von SPD und Freien Wählern stehen in trauter Zweisamkeit nebeneinander. In ein paar Tagen ist Landtagswahl in Sachsen-Anhalt.

Beim Überqueren des Marktplatzes komme ich an den Ständen der anderen Parteien vorbei, und tauche ein in die Gassen, deren Häuser halb „sozialistisch rekonstruiert“ wurden, also abgerissen und durch einen optisch angepaßten Plattenbau ersetzt wurden sowie alten, mittlerweile sanierten Bürgerhäusern. Auf der Kleinen Ulrichstraße nehme ich im Café Roter Horizont Platz und trinke erstmal einen Kaffee. Ich habe Zeit und bin für mich. Lese, beobachte die Leute, die im Café sitzen und vorübergehen. Hänge meinen Gedanken nach und stelle mich auf den Besuch im Museum ein.

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Erstmal Kaffee. Die Stadt wirken lassen.

Ein bezauberndes Museum, an einem bezaubernden Ort. Eine Burg, die zu einem Museum umgebaut wurde und eine sehr gute Sammlung, die Kunst beginnend mit der klassischen Moderne des 19. Jahrhunderts zeigt.

Wie überall in Deutschland durchlebte auch diese Kunstsammlung die verschiedenen Abschnitte der Geschichte. Und durchlebt sie noch. In den 1930er Jahren wurde nicht genehme Kunst abgehängt, verkauft oder zerstört. Zu Zeiten der DDR gelangte der offiziellen Parteilinie Entsprechendes ins Museum und eventuell, das hing von der Einstellung und Findigkeit des Direktors ab, auch Werke dissidenter Künstler. Herr Bauer-Friedrich, der derzeitige Direktor, paßt gut in die heutige Zeit. Sprachlich abseits der geltenden deutschen Rechtschreibung vereinnahmt er auch die Kunst für seine bzw. die derzeit ideologischen Zwecke. So zeigt er zum Beispiel das Werk „Kampfgeist“ von Will Tschech aus dem Jahr 1942 mit einer von Steuergeld finanzierten Übermalung mit Öl und Edding der Künstlerin Sandra del Pilar. Ich stand im Juni fassungslos davor. Welche Anmaßung! Welche Überheblichkeit! Diese Mißachtung einer künstlerischen Leistung. Wie auch immer man zu Künstler und Werk stehen mag, ist mir so etwas bisher in keinem von mir besuchten Museum und keiner Galerie begegnet. Man muß nichts hängen, was nicht ins Konzept paßt. Hier wurde gehängt, um vorsätzlich zu diffamieren.

Aber genug des persönlichen Exkurses.

Ich zahle also die vollen 15 € Eintritt, weil ich mir nach Kesting noch die Ausstellung von Fotografien von Helga Paris über das Halle der 1980er Jahre der DDR anschauen möchte und vielleicht noch einmal die Dauerausstellung.

 

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Blick in den Hof des Kunstmuseums.

Es geht die Treppen hinauf zur Sonderausstellung, vorbei an Mattheuers „Jahrhundertschritt“, den ich als Heranwachsende auf der X. Kunstausstellung in Dresden sah und der mir neben Hermann Glöckners „Drei Schwünge in Rot und Orange“ von 1983 als einziges davon in Erinnerung geblieben ist.

Da ich bisher nur die Schwarz-weiß-Fotografien von Edmund Kesting kenne, bin ich überrascht welche Farbigkeit mich empfängt. Sattes Dunkelgrün an der Wand. Gut beleuchtet sind die Gemälde, Grafiken und Fotografien. Es beeindruckt. Ich freue mich, Edmund Kestings Gesamtwerk zu entdecken.

Edmund Kesting wurde 1892 in Dresden geboren und ist in Dresden aufgewachsen. Von 1911 bis 1914 studierte er erst an der Kunstgewerbeschule, danach von 1915 bis 1922, zuletzt als Meisterschüler an der Kunstakademie. Im ersten Weltkrieg wurde er eingezogen und in Frankreich stationiert. Nach seiner Rückkehr und der Wiederaufnahme des Studiums gründete er im Dezember 1919 die private Kunstschule „Der Weg“. Ab 1925 eröffnete in Berlin eine Filiale, also einige Monate nach dem Bauhaus in Weimar. Sie bestand parallel dazu, mit ähnlicher Ausrichtung, bis 1933.

Zur Anzahl und Art seiner Schüler wurde in der Ausstellung leider nichts vermittelt. Ab Mitte der 1920er Jahre finanzierte sich die Schule vermehrt durch Aufträge aus Industrie und Wirtschaft.

Beim Betrachten seiner Werke und Reflektieren der Zeit, in der er lebte, tauchen in meinen Gedanken Stichworte wie rasante industrielle Entwicklung, zwei Kriege, wirtschaftliche Krisen und gesellschaftliche Umbrüche auf.

Der Takt des Lebens beschleunigte sich auch in Dresden. Wie drückte sich das alles in seiner Kunst aus? Drückt es sich aus? Zu malen hatte er während seiner Ausbildung gelernt, doch verfolgte er es nicht.  Er nahm das Gelernte eher als Grundlage für die Umsetzung von Collagen, Assemblagen aus Papier, Pappe und Holz. Es mündete in der intensiven Beschäftigung mit der Abstraktion. Teils erinnern mich seine Arbeiten an die Gemälde Mondrians, Kandiskys und El Lissitzkys. Manche der ausgestellten Werke erscheinen mir recht eigenständig, anderes an andere Künstler angelehnt, ich will nicht sagen imitierend, eher vielleicht aufgreifend, experimentierend mit dem Versuch etwas Eigenes zu entwickeln.

Die Bekanntschaft mit Herwarth Walden, einem einflußreichen Galeristen, Verleger, Schriftsteller und Förderer der deutschen Avantgarde, beeindruckte und beeinflußte ihn sehr. Der Neuen Sachlichkeit, die sich zur gleichen Zeit entwickelte, konnte er offensichtlich nichts abgewinnen. Kein einziges seiner Werke, zumindest der ausgestellten, wies Versuche der Nachahmung auf bzw. würde ich dieser Kunstrichtung zuordnen.

Während seines Meisterstudiums an der Kunstakademie begann er sich mit Fotografie zu befassen. Womöglich als Vorarbeiten für seine im Atelier zu gestaltenden Werke gedacht, entwickelte sich dies zu einem Schaffensbereich, in dem er, wie ich finde, es zur Meisterschaft gebracht hat, auch, wenn er es selbst wahrscheinlich nicht so empfunden haben mag. Ihm galt die Fotografie offensichtlich eher als Broterwerb nebenher.

Einige seiner Werke galten ab 1933 als „entartet“ und wurden 1937 aus den Museen entfernt und anscheinend zerstört. Er versuchte wieder an die Malweise seiner Studienzeit anzuknüpfen. So zum Beispiel ließ mich das Gemälde „Stilleben mit Kakteen“ von 1936 sofort an Richard Müller denken, der einer seiner Lehrer war. Der altmeisterliche Farbauftrag, die feine Detailliertheit, die Themenwahl, die Farbigkeit.

Für seinen Lebensunterhalt nahm er Aufträge zur Porträtfotografie und Gestaltung von Werbung an, unter anderem für das Automobilwerk Horch in Zwickau, und für Fotografien von besonderen Stücken für das Grüne Gewölbe in Dresden. Im Laufe des Zweiten Weltkrieges wurde das Kunstgut aller Dresdner Museen zur Sicherheit in umliegende Burgen, Schlösser und Herrenhäuser ausgelagert. Das Kunstgut des Grünen Gewölbes wurde auf die Festung Königstein gebracht. Zuvor jedoch erhielt Kesting von Walter Holzhausen, dem Direktor des Grünen Gewölbes, den Auftrag, ausgewählte Objekte für eine Ausstellung zu fotografieren. Er verstand es die Objekte so gut in Szene zu setzen, daß die Fotoausstellung in den nun leeren Räumen des Grünen Gewölbes großen Anklang fand.

Sein Atelier in Dresden blieb von den Bombenangriffen auf Dresden im Frühjahr 1945 verschont. So war es ihm möglich, die Zerstörung der Stadt fotografisch festzuhalten und die Fotoserie „Dresdner Totentanz“ zu schaffen. Bald nach Ende des Krieges versuchte er, seine künstlerischen Tätigkeiten in der Fotografik sowie Malerei fortzusetzen. Er beteiligte sich an der Gründung der Künstlervereinigung wie „der ruf – befreite Kunst“ in Dresden. Aufgrund seiner pädagogischen Erfahrung und der Aufbruchsstimmung erhielt Kesting im Jahr 1946 einen Lehrauftrag an der Hochschule für Werkkunst in Dresden und 1948 an der Hochschule für bildende und angewandte Kunst in Berlin-Weißensee. Durch die Ablehnung der abstrakten Kunst unter der Sowjetischen Militäradministration und später in der DDR konnte er sich jedoch nicht etablieren. Er wurde schließlich in Dresden und Berlin entlassen. Bis 1960 arbeitete er noch an der Filmhochschule Potsdam-Babelsberg in der Ausbildung von Kameraleuten. Nach seiner Emeritierung lebte er in Ahrenshoop und verbrachte dort in seinem Haus die letzten Lebensjahre bis zu seinem Tod im Jahr 1970.

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Avantgardist?

Seine künstlerische Arbeit, die abstrakte Kunst, sein Verortetwerden im Formalismus drängten ihn in den 1950er Jahren in der DDR mehr und mehr ins Abseits. Er versuchte an die aufkommenden Kunstströmungen des Westens anzuschließen, das Informel für sich zu entdecken, es sich anzueignen. Vielleicht war es sein Bestreben wie in den 1920er Jahren, wieder zu den Vorreitern, der Avantgarde zu gehören?

Die ausgestellten Gemälde aus der Zeit nach 1945 und im Besonderen die aus der Ahrenshooper Zeit beeindruckten mich gar nicht. Ich würde sie als hilflosen Versuch des Anschlußes an etwas beschreiben, was einfach nicht das Seine ist.

Er versuchte meiner Meinung nach, sein bisher konkret Abstraktes, in geometrische Formen Gefaßtes aufzulösen und in Gefühle und Stimmungen umzuwandeln, die er beim Betrachten des Wassers, der Lichtspiegelung, beim Fühlen der Luft empfand, auf Papier und Leinwand zu bringen.

Es wirkt zu gewollt und fast wie ein – unbeabsichtigter, unterbewußter – Bruch mit seiner bisherigen Art zu malen und zu zeichnen. Als sein Experimentieren mit Material, Licht, Raum und Perspektive Interessantes, zum Betrachten Anregendes hervorbrachte, das in seinen fotografischen Arbeiten mit außergewöhnlichen Ergebnissen zur Anwendung kam, erscheint mir der Versuch formlos, spontan gefühlig und formauflösend zu arbeiten eher als Sackgasse wie sein Versuch in der chemischen Fotomalerei, den er nicht weiter verfolgte.

Mir erschließt sich jetzt, warum wahrscheinlich meistens nur die Fotografien an den Pinnwänden hängen bzw. die Fotobildbände in den Regalen stehen. Ich hätte gern noch mehr Fotografien gesehen. Der Fokus dieser Ausstellung liegt jedoch nicht auf diesem Teil seines Schaffens. Ich würde seine Arbeiten gern einmal neben denen von Laszlo Moholy-Nagy und Hans Finsler sehen. Das sind Zeitgenossen. Ein anderes Mal.

Nun bin ich am Ende angelangt und habe ein künstlerisches Leben betrachten dürfen. Gehörte er nun zur Avantgarde? Für die Fotografie würde ich das bejahen, für seine Malerei und Grafik verneinen, da fehlte ihm der geniale Funke.

Und mit einem Blick zurück auf die Werke seiner Anfänge und die Fotografien verlasse ich die Ausstellung.

Anschließend nehme ich noch die Fotoserie von Helga Paris mit, schlage noch einen kleinen Bogen zu den DDR-Künstlern und trete aus dem Museum.

Auf dem Weg zurück zum Bahnhof sehe ich wie die Polizei eine Straße abriegelt. Auf dem Marktplatz steht mir der Adenauer-Bus quer im Blickfeld und am Alten Rathaus prangen vier regenbogenbunte Fahnen. Der Alltag hat mich wieder.

Mit einem wunderbar blauen Himmel über mir, spaziere ich wie ich gekommen bin, die Leipziger Straße zurück zum Bahnhof.

Wenn jetzt noch die Bahn ohne Verkommnisse fährt, will ich es für heute zufrieden sein und den Tag mit einem Glas Wein auf dem heimischen Balkon ausklingen lassen.

kesting moritzburg 102 - Edmund Kesting in Halle
Bildrechte: Kulturstiftung Sachsen-Anhalt/VG Bild-Kunst, Bonn 2026

ASTER

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