Vernunft ohne Erben: Was der Tod von Habermas über Deutschland verrät

Jürgen Habermas starb am 14. März 2026 im Alter von 96 Jahren in Starnberg. Man wird sich daran erinnern müssen, dass er bis zuletzt nicht schwieg. Noch im Herbst 2025 meldete er sich in der Süddeutschen mit einem Gastbeitrag zur europäischen Integration zu Wort. Bundespräsident Steinmeier bezeichnete ihn als großen Aufklärer, der die Widersprüche der Moderne durchmessen habe. Andere sprachen vom Gewissen der Bundesrepublik, vom letzten großen Vertreter der Kritischen Theorie, vom philosophischen Gewährsmann eines liberalen Deutschlands.

All das stimmt – und verfehlt gleichwohl das Entscheidende. Denn Habermas war nicht deshalb bedeutsam, weil er ein liberaler Demokrat war. Es gibt viele ehrenwerte Demokraten. Er war bedeutsam, weil er einer der letzten ernsthaften und konsequenten Verteidiger der Vernunft war, der Rationalität nicht als Werkzeug, sondern als normatives Fundament des Zusammenlebens sah. Und darin liegt sein Vermächtnis – aber auch das tiefste Unglück seiner Wirkungsgeschichte.

Was Habermas wirklich wollte

Um zu begreifen, was mit seinem Tod verloren geht, muss man den Ehrgeiz von Habermas’ Projekt verstehen. Anders als seine Lehrer Adorno und Horkheimer, für die Sprache noch ein Werkzeug zur Weltbewältigung war, setzte Habermas auf Diskurs und Verständigung – auf das, was er den „zwanglosen Zwang des besseren Arguments“ nannte. Dies ist keine rhetorische Figur. Es ist ein philosophischer Kunstgriff von erheblicher Reichweite: Ein Argument, dem nach rationaler Prüfung jeder zustimmen würde, besitzt normsetzende Kraft, ohne Herrschaft auszuüben. Es herrscht, weil es überzeugt – nicht, weil es droht. So zumindest in der Theorie.

Was das bedeutet, ist radikaler als es klingt. Habermas stellte die normative Frage nicht mehr im Modus des Wollens, sondern des Sollens. Nicht „Was wollen wir?“, dafür aber „Worauf können wir uns nach vernünftiger Prüfung einigen?“ Das war ein kontrafaktisches Ideal. Er wusste, dass eine ideale Sprechsituation, in der alle Teilnehmer mit gleicher Berechtigung sprechen und ausschließlich das bessere Argument zählt, nirgendwo vollständig existiert. Aber er bestand darauf, dass dieser Maßstab notwendig sei, um Geltungsansprüche wie Wahrheit, Richtigkeit und Wahrhaftigkeit überhaupt einer rationalen Überprüfung zugänglich zu machen. Gesellschaften ohne Prüfinstanzen für normative Ansprüche zerfallen laut ihm in pure Machtverhältnisse; ihr Zusammenhalt beruhe dann nicht mehr auf Überzeugung, sondern vielmehr auf Zwang und Gewohnheit.

Die 1981 in zwei Bänden erschienene Theorie des kommunikativen Handelns ist in diesem Sinne das ehrgeizigste soziologisch-philosophische Projekt der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Deutschland: der Versuch, die Vernunft als gesellschaftliche Kategorie zu retten – nicht als transzendentes Prinzip oder metaphysischer Trost, aber als pragmatische Struktur der menschlichen Kommunikation selbst. Sprache, so die Grundthese, ist nicht neutral. Wer spricht, erhebt immer schon Ansprüche – Ansprüche auf Wahrheit, auf normative Richtigkeit, auf persönliche Aufrichtigkeit – und diese Ansprüche sind prinzipiell kritisierbar. Das macht den Diskurs zur Grundlage von Gesellschaft: die regelgeleitete Verständigung über das, was gelten soll.

Diese Position hatte immer schon Feinde, und zwar auf allen Seiten. Konservative und Rechte warfen Habermas vor, die vorpolitischen Substanzen zu ignorieren, auf denen Verständigung erst möglich wird – jene gemeinschaftlichen Überlieferungen, Werte und Bindungen, ohne die kein Diskurs je begänne. Andere Linke warfen Habermas vor, systemische Machtverhältnisse zu unterschätzen, die jeden realen Diskurs korrumpieren. Orthodoxe Marxisten sprachen ihm das marxistische Denken ab. Und Systemtheoretiker wie Luhmann stellten schlicht in Abrede, dass Konsens je möglich sei – Gesellschaft funktioniere durch Differenz, nicht durch Einigung. Habermas antwortete auf alle Einwände – geduldig und minutiös, über Jahrzehnte hinweg.

Seine Schüler folgten ihm nicht

Hier beginnt das eigentliche Drama, das mit Habermas’ Tod sein symbolisches Ende findet. Habermas hatte Schüler, Epigonen und ganze Denkschulen – aber kaum einer von ihnen glaubte wirklich an das, was er lehrte. Die intellektuelle Linke, die sich auf ihn berief, nutzte das Werkzeug des Diskurses, um Macht zu organisieren, nicht um Wahrheit zu suchen. Es ging nicht mehr um Verständigung, nun ging es um Hegemonie.

Diese Verschiebung muss benannt werden, auch wenn sie für manche Habermas-Anhänger unbequem ist. Antonio Gramsci, dessen Werk in den 1970er- und 1980er-Jahren im deutschen linken Milieu kanonische Bedeutung erlangte, hatte eine gänzlich andere Theorie politischer Transformation entwickelt: Kulturelle Hegemonie als Ziel, der „Marsch durch die Institutionen“ (Rudi Dutschke) als Methode und die Besetzung von Schulen, Universitäten, Medien und Kultureinrichtungen als strategisches Projekt. Wer Institutionen strategisch besetzt, um bestimmte Deutungen durchzusetzen, übt Herrschaft aus, auch wenn er es Diskurs nennt. Der herrschaftsfreie Diskurs, den Habermas als regulatives Ideal entwarf, wurde von seinen eigenen Epigonen als Tarnung verwendet, hinter der sich ein dezisionistisches Machtkalkül verbarg.

In dieser Hinsicht gilt für weite Teile der Habermas-Nachfolge das, was Carl Schmitt für den Liberalismus insgesamt beobachtet hatte: Die Entscheidung wird in Wirklichkeit vor der Debatte getroffen und der Schein der Diskussion dient lediglich der Legitimation des Ergebnisses. Schmitt warf dem Liberalismus vor, im Grunde ein System der Entscheidungsvermeidung zu sein: Aus dem Volk werde Betriebspersonal, aus dem Kampf werde Diskussion und Politik werde durch Ethik und Ökonomie ersetzt. Was die Linke in den vergangenen Jahrzehnten praktizierte, war demgegenüber kein ehrlicher Liberalismus, eher eine spiegelverkehrte Form von Schmitts eigenem Dezisionismus: eine verborgene Freund-Feind-Unterscheidung, die den Ausschluss des Feindes als moralische Pflicht verkleidete.

Die postmarxistischen Theoretiker Ernesto Laclau und Chantal Mouffe haben diese Logik wenigstens im neuen Jahrtausend explizit gemacht: Sie entwickelten eine Theorie des politischen Kampfes um leere Signifikanten und Hegemoniegewinne, die normative Begründungen bewusst verweigert – man will gewinnen, nicht überzeugen, und Bündnisse werden nach strategischer Opportunität geschlossen, nicht nach argumentativer Überzeugung. Pierre Bourdieu analysierte, wie kulturelles und soziales Kapital strategisch eingesetzt wird, um Herrschaft zu sichern und zu reproduzieren. All dies ist in der Substanz dezisionistisch. Es gibt eine Gruppe, die entscheidet, was als diskutierbar gilt – und eine, die ausgeschlossen wird. Dass dies in einer Sprache vorgetragen wird, die das Vokabular von Habermas entlehnt, macht die Sache so ironisch.

Man denke nur an die tatsächliche Diskurskultur Deutschlands in den vergangenen vier Jahrzehnten. Politische Gegner wurden nicht durch das bessere Argument überzeugt, vielmehr wurden sie durch moralische Delegitimierung aus dem Diskurs entfernt. Der Historikerstreit, an dem Habermas selbst einen großen negativen Anteil hatte, kann hier als gutes Beispiel dienen. Hier zeigte sich Habermas’ Giftigkeit als politischer Autor: Er zerstörte gemeinsam mit anderen linken Autoren die Karriere des konservativen Geschichtsprofessors Ernst Nolte, weil dieser es gewagt hatte, einen „kausalen Nexus“ zwischen den Klassenmorden der Bolschewiken und den Rassenmorden der Nazis zu behaupten.

Man sieht: Wer den falschen Begriff benutzte, den falschen Vergleich anstellte, zum falschen Thema schwieg oder das Falsche ansprach, wurde nicht inhaltlich widerlegt, sondern seiner Teilnahmeberechtigung beraubt – durch den Verweis auf seine angebliche Nähe zu jenem historischen Bösen, das in Deutschland immer bereitsteht, wenn man ein Argument nicht führen will. Das war die Habermas-Praxis. Das war Schmitt mit Habermas-Vokabular. Es ist die Feindbestimmung als politische Technik, gedeckt durch moralisches Kapital.

Die Rechte und das bessere Argument

Hier liegt das tiefste Paradox des intellektuellen Erbes, das Habermas’ Tod sichtbar macht – und das man, will man es ernst nehmen, ohne Scheu aussprechen muss. Während die intellektuelle Linke Schmitts Logik der Feindbestimmung praktizierte, ohne es zuzugeben, begannen Teile der konservativen und rechten Intelligenz tatsächlich, auf das bessere Argument zu setzen. Dies taten sie nicht aus programmatischer Überzeugung und schon gar nicht aufgrund bewusster Habermas-Lektüre. Sie taten es, weil sie teilweise keine andere Wahl hatten. Die Institutionen – Universitäten, Qualitätsmedien, kulturelle Fördereinrichtungen, öffentlich-rechtlicher Rundfunk – waren nicht die ihren. Wer die institutionelle Macht nicht hat, muss oder will überzeugen. Der Zwang zum Argument ist, wo er nicht aus innerer Überzeugung entsteht, zumindest strukturell erzwungen.

Konservative Denker erkannten früh, dass ein herrschaftsfreier Diskurs in der großen Gesellschaft und in staatlichen Institutionen nicht möglich ist – allenfalls in kleineren Gemeinschaften wie Familien, Kirchen oder Universitäten. Aus dieser Einsicht zogen sie jedoch keine zynische, wohl aber eine normative Konsequenz: Es braucht mehr Substanz, mehr gemeinsam geteilte Voraussetzungen und mehr Ethos, damit Aushandlungsprozesse überhaupt gelingen können. Das ist, philosophisch betrachtet, eine Verteidigung jener vorpolitischen Bedingungen, unter denen Habermas’ Theorie überhaupt erst greifen könnte. In dieser Hinsicht – und nur in dieser, um Missverständnisse zu vermeiden – stehen manche konservative Positionen Habermas’ eigenem Impuls näher als seine offiziellen Nachfolger.

Vor allem die Neue Rechte versucht hier zu hebeln: Sie stellt Fragen nach kultureller Hegemonie, nach Deutungshoheit und nach der Macht der Begriffe. Im Unterschied zum postmarxistischen Denken Laclau’scher Prägung verblieb dabei jedoch – zumindest programmatisch – ein Kern, der auf argumentative Überzeugung angewiesen war, da ihm eine institutionelle Absicherung fehlte. Das ist der entscheidende Punkt: Wer die Institutionen nicht hat, der muss das Argument haben. Ob er es wirklich hat und ob die Argumente gut sind, ist eine weitere Frage, die hier offenbleiben muss. Bemerkenswert ist jedoch die Struktur, der erzwungene Rekurs auf Überzeugung statt auf Ausschluss.

Habermas selbst hat diese Beobachtung mit größter Entschiedenheit zurückgewiesen. Er sah in der intellektuellen Rechten keine legitimen Diskursteilnehmer, die durch das bessere Argument zu überzeugen seien, sondern eine Bedrohung der demokratischen Substanz, die strukturell außerhalb des Verständigungshorizonts stehe. Auch das ist paradox: Der Mann, der die prinzipielle Offenheit des Diskurses für alle Argumente zur Grundlage seiner Theorie gemacht hatte, zog in der politischen Praxis Grenzen, die sich mit dieser Theorie nur schwer vereinbaren lassen. Man könnte sagen, dass Habermas am Ende seines Lebens mit sich selbst uneinig war – zwischen dem universellen Anspruch seiner Theorie und den politischen Überzeugungen, aus denen er nicht heraustreten wollte oder konnte.

Der symbolische Tod - was das Ableben bedeutet

Mit Habermas stirbt nicht nur ein Denker, es stirbt ein Projekt. Es ist das Projekt, die Rationalität als Fundament liberal-demokratischer Legitimität zu bewahren: nicht als naive Utopie einer konfliktfreien Gesellschaft, sondern als regulatives Ideal, das dem politischen Kampf eine normative Grenze setzt. Die Idee, dass Normen begründungspflichtig sind. Dass die Entscheidung, wer der Feind ist, einer argumentativen Überprüfung bedarf und nicht einfach gesetzt werden kann. Dass Herrschaft – jede Herrschaft, auch die wohlmeinende – rechenschaftspflichtig bleibt.

Dieses Projekt hat keine Nachfolger, die ihm treu wären. Die kritische Theorie nach Habermas – Axel Honneth mit seiner Anerkennungstheorie, Hartmut Rosa mit seiner Resonanzsoziologie und Rahel Jaeggi mit ihrer Lebensformkritik – ist tiefgründig und klug. Sie hat jedoch das universalistische Fundament verlassen und sich in Partikularisierungen aufgefächert. Sie ist nicht mehr in dem Maße rechenschaftspflichtig gegenüber allen möglichen Diskursteilnehmern, wie es Habermas’ eigene Theorie verlangte. Der Anspruch, jedem gegenüber argumentativ auskunftsfähig zu sein – auch dem politischen Gegner, auch dem, dessen Weltbild man für falsch hält – wurde faktisch aufgegeben, auch wenn dies niemand so formuliert hat.

Auf der anderen Seite des politischen Spektrums hat unterdessen eine merkwürdige Verschiebung stattgefunden, die die Ideengeschichte selten so direkt produziert hat. Die konservative und rechte Intelligenz, die Habermas jahrzehntelang bekämpft hatte, führt heute – mindestens partiell und strukturell – jenes Ethos fort, das er predigte: die Bereitschaft zur öffentlichen Begründung, zur Auseinandersetzung mit dem Argument des Gegners und zur Rechenschaft vor einer nicht kontrollierbaren Öffentlichkeit. Nicht, weil diese rechte Intelligenz habermasianisch wäre, eher weil die Situation es erzwingt.

Das Kuriosum, das der Tod von Habermas sichtbar macht, ist das Folgende: Der Erbe seiner Lehrerin, der Vernunft, ist nicht sein Schüler geworden, sondern sein Feind – und sein Feind hat die Waffe des Lehrers aufgegriffen, weil er selbst keine andere besaß. Die Linke wurde schmittianisch, als sie die Macht gewann. Die Rechte wurde habermasianisch, als sie die Macht verlor. Das sagt über keine von beiden etwas Gutes. Aber es sagt etwas über die Logik von Diskurs und Macht aus, was Habermas selbst, wäre er konsequenter gewesen, hätte einräumen müssen.

Was fehlt

Habermas wäre der Erste gewesen, diesem Befund zu widersprechen – mit Argumenten. Er hätte vielleicht eingewandt, dass die bloße Struktur der erzwungenen Argumentation noch kein Ethos des Diskurses sei und zwischen dem instrumentellen Rekurs auf das Argument und der genuinen Anerkennung des anderen als Vernunftwesen ein entscheidender Unterschied bestehe.

Und genau das ist das Beste, was man über Jürgen Habermas sagen kann. Er verteidigte die Idee der Vernunft, auch wenn er dabei unbequeme Konsequenzen zog, sich in Widersprüche verwickelte oder seine eigene politische Praxis hinter seinen theoretischen Anspruch zurückfiel. Die Idee, dass das bessere Argument zählen solle, Normen begründungspflichtig seien und Verständigung möglich sowie notwendig sei, mag naiv erscheinen. Sie kann aber auch notwendig sein. Die Frage nach dem richtigen Umgang mit der Vernunft wird uns auch weiterhin alle beschäftigen.

Ob sie weiterverteidigt wird – von wem und mit welcher Konsequenz – ist die offene Frage, die sein Tod hinterlässt. Dass gegenwärtig niemand in Sicht ist, der an Habermas’ Ernsthaftigkeit in dieser Sache heranreicht, ist keine rhetorische Übertreibung, vielmehr eine nüchterne Diagnose. Es fehlt bereits jetzt.

Jürgen Habermas diskutiert. © Max Scheler/​SZ Photo/​laif

ASTER

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