Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang – eine Sprache, die das Unsagbare umkreist und es in eine höhere Sphäre hebt. Das vermag Rilke, schwebend und vibrierend. Seine gelungensten Bilder klingen nur an und ab, wie anbrandende Flut, loderndes Feuers, und die dabei gerade gefühlte Stimmung, die still erlebte, die innerlich beben lässt, verschwindet ehe man sie fassen kann. Die Gefüge aushärtender Ordnungen und erdachter Theorien hingegen überwältigen und entfremden – geistlos, unbeweglich, lähmend. Und doch sind wir beides, immer schon: Chaos und Ordnung. Wurzelnd und ausströmend.
Der sächsische Schriftsteller Jörg Bernig stellt seinem Gedichtband inseln gesehn neben Rainer Maria Rilke (1875 – 1926) Friedrich Hölderlin (1770 – 1843) und František Halas (1902 – 1949) voran. Dies entspricht heute 250 Jahre Verschriftlichung von Weltwahrnehmung. In dieser Spanne liegen die Schauplätze der zu Hölderlins Zeiten zunächst anhebenden industriellen Revolution, über Zeitalter erträumter und versuchter Welt-Reiche bis hin zu vernichtenden Schlachten.

Jörg Bernig deutet in seinem Werk „inseln gesehn“ auf jene Kräftespiele hin. Seine Bilder und die darin zugrundeliegenden Ordnungen sind früher und in diesem Sinn natürlicher als jene, die uns täglich begleiten. Betritt man die „inseln“ – Bernig verfasst konsequent in Kleinschreibung – sollte man Ruhe, wenn nicht sogar Stille mitbringen (wie im Vorwortvers angedeutet), die Ebenen zu erfassen und zu sehen. Lyrik, wer ist dazu heute noch in der Lage, heißt: welchem überreizten Bildschirmmenschen (mich inbegriffen) gelingt es, dorthin hinabzusteigen? Aber Bernigs „inseln“ bieten noch das ungreifbare Geheimnis.
Die Insel als künstlerisches Motiv wirkt auf den Leser existenziell und wie von Zeit verschont. Bereits in Bernigs Roman Eschenhaus spielte der Gegensatz zwischen gewählter Exklave auf einer Insel, die Asyl oder Exil bietet und einem sich verlierenden Heimatboden die leitende Rolle. Auch in Christian Krachts neuem Roman AIR lebt die Hauptfigur auf einer britischen Insel – ein selbst gewähltes Einzelgängertum, aber anders als bei Eschenhaus mit gewisser Steigerungsabsicht als Ausdruck von moderner Individualisierung. Kracht spinnt zusätzlich, durch ein Ölgemälde als Medium, eine zweite, archaische Welt ein, in der Traum und Realität verschimmen und bis zuletzt interpretationsfähig bleiben. In Bernigs Werk besitzt ein Buch diese magische Funktion. Bernigs Geschichte jedoch ist näher dran an dem, was man Wirklichkeit nennen kann, wirkt mehr wie eine Parabel auf die politisch-gesellschaftlichen Entwicklungen.
Inseln gesehn tritt der Dichter auf als Dokumentar, begibt sich ins Offene, setzt sich gar bewusst Natur und Ereignissen aus, entdeckt hier und dort den Zauber, der nur im nachtblauen Einzug der Nacht und im hoffnungsfrohen Tagesanbruch blinzelt. Nur im Traum springen uns die Türen auf und schließen sich sogleich wieder. Und nur im Traum finden scheinbar die Prüfungen statt, siehe Krachts AIR.
Überlagert werden die Inseln von den Phänomenen der Moderne, der Technik, dem treibenden Element der letzten Jahrhunderte – Erntemaschinen, die im Gleichmaß ihre Bahnen ziehen, galaktische Schiffe, die beladen werden. Im Kapitel „funker verlorener truppen“ verbindet Bernig in „das idyll oder in der mitte des lebens“ zwei Welten: Er lässt brummende Flugmaschinen sich arglos sonnendes Leben überfliegen. Ist die Rede von Kriegsgerät (immerhin ist vom Funker die Rede)? Unten wie oben der Gang der Dinge, seit jeher, Ebenen, die nebeneinander existieren können, doch wie lange noch? Das sind Szenen wie Filmsequenzen – Eros und Ares begegnen, belauern sich „irgendwo dort“ im Gefild unseres „eignen“ zwischen Funkern und Bergmännern, hinabreichend „durch schichten von taubem gestein und adern von erz“. Im Zeitalter der verdrängten Wurzeln und vergessenen Väter bleiben solche Zeilen nicht ohne Wirkung. Gesprochen in einer Epoche, in der alles Starke, Schöne und Gelungene unter Beobachtung stehen.
Der Gedichtband „Inseln gesehn“ weiß von den Fügungen unserer Welt, von der Erinnerung, die uns nicht nur in Form der Insel als physischen Ort, sondern als erlebte Atmosphäre tief berührt, als man neben braungrünen Augen träumend im Gras lag, weit oben die weißen Archipele, schwebend, Gestalten und Gebirge. Inseln gesehn – im spätabendlichen Streifen durchs Thüringische, unterhalb der Ruine Glühwürmchenwolken leuchten und Kinderhände erfüllt vom Zauber verschiedenste Dinge sammeln. „der abendstern kraxelt im kahlen baum blaue dunkelheit zieht auf“. Inseln als diamantene Einschlüsse inmitten verordneter Wahrheiten. Überlistung der Jetztzeit, weil man sah und spürte.
Inseln gesehn – als Orte, die wir begehen, an deren Küsten wir leben können oder eben als Kapseln der Erinnerung, zeitenthoben und angefüllt mit unverlöschlicher Lebensglut, „ein schild gegen das bittre“ und eine Fortführung des Schrifttums in kommende Epochen. Jörg Bernig, ein wahrhaft deutscher Dichter, von böhmischem Wind getragen, wie von weit her kommend und wie ins Dunkle schreitend, weit übers Friedrich-Carus-Land, die inseln sehn.
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verwunschene zeit senkt sich auf alles herab tauhändig
und mit großer ruhe
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Der besprochene Gedichtband erschien jüngst in der edition buchhaus loschwitz.






