Mit Büchern kann jeder etwas anfangen. Auch, wer höchstens mal einen Krimi im Urlaub liest, der verbindet Lesen doch mit Bildung, mit Wissen, mit höheren Sphären des Daseins. Nichtlesende rechte Milieus, die etwa von „Schnellroda“ hören, werden anerkennen, dass rechte Verleger wichtige Arbeit tun. Das geschriebene Wort vermag Ideen zu entflammen, aufzuklären, die Geschichte der Vorfahren zu überliefern…von Schöner Literatur ist dabei noch gar keine Rede. – Das Buch als solches, als Gegenstand, ist unverzichtbarer Teil deutscher Identität, die Chiffre „Goethe und Schiller“ sagt irgendetwas – den meisten sagt sie zwar wenig mehr als sich selbst, aber sie wird doch reflexhaft verbunden mit „Deutscher Kultur“.
Dass nicht einmal dies Wenige über den Bereich der Malerei, Zeichnung und Grafik gesagt werden kann, bedarf wohl kaum der ausgiebigen Darlegung. Welchen großen deutschen Maler der Frühmoderne „kennt“ jeder? – Genau, keinen. Selbst Caspar David Friedrich ist schon „höhere Bildung“. Die klassische Moderne hat dann ihre großen Namen, dem Gebildeten sind sie geläufig und werden mit bestimmten Stilen verknüpft: Ein Nolde, ein August Macke, ein Chagall. Naja, gut, diese sind der Allgemeinheit als Gebrauchskunst vage vertraut durch Postkarten und Kalender – wenn überhaupt.
Dass dem Künstler Frank J. Schäpel, einem ehemaligen Meisterschüler von Georg Baselitz, vor ein paar Wochen aus heiterem Himmel eine Einzelausstellung im Privatmuseum MACT/CACT in der Schweiz abgesagt wurde, hat in rechten Reihen wenige interessiert. Sicher ist dieser Fall von „Cancel Culture“ weniger eindeutig und damit weniger empörend als all jene Fälle, wo die weltanschauliche Ausrichtung des Gecancelten auch tatsächlich als Grund benannt wurde, und wo es weitergehende schmerzhafte Folgen für den Geschädigten gab. Den Autor John Hoewer traf es zuletzt brutal. Im „Fall Schäpel“ wurde dem Künstler und Pressevertretern gegenüber die Absage damit begründet, dass man aus wirtschaftlichen Gründen das Programm neu strukturieren müsse. Anhand des mir vorliegenden Schriftverkehrs minutiös nachzuweisen, dass dies wohl höchstens die halbe Wahrheit sein kann, soll hier nicht meine Aufgabe sein.
Schäpel wird von der Galerie „Zentrale Randerscheinung“ in Leipzig vertreten, wo auch der Künstler Chris Löhmann beheimatet ist (Ein Gespräch mit Löhmann im Aster-Podcast ist direkt hier und auf Youtube zu finden). Dort finden sich Kreative versammelt, die in der etablierten Kunstblase abgelehnt werden, oder zu dieser gar nicht mehr gehören möchten: zu trist der schrille Konformismus, die volksverachtende Selbstbezüglichkeit, das graue Bunt. Alle in der „Randerscheinung“ ausgestellten und zu erwerbenden Arbeiten sind „Moderne Kunst“ – was auch sonst. Malerei, Grafik und Zeichnung sind, was sie sind, im Resonanzraum der Moderne seit etwa 130 Jahren, der Postmoderne seit… lassen wir es 60 Jahren sein. Auch die bewusste Ablehnung moderner Entwicklungen in der Kunst ist ein Akt der Kommunikation mit dem Verneinten, kann die eigene Geschichtlichkeit nicht abstreifen.
Viele Rechte wollen aber genau das. „Moderne Kunst ist hässlich, wir wollen gut gemalte schöne Dinge.“ So könnte man lapidar fassen, was viele empfinden. Die „Bauhaus-Debatte“ Ende letzten Jahres, ausgelöst von Stimmen aus der AfD Sachsen-Anhalt, die das Bauhaus als „Irrweg der Moderne“ kritisierten, zeigt dies beispielhaft. Zu einer völligen Entfremdung der gesamten Gesellschaft von der Gegenwartskunst – die Ursachen liegen auf „beiden Seiten“, auf Seiten der Kunstwelt aber sehen wir eine völlige, verächtliche Loslösung des eigenen Tuns vom Leben des Volkes – zu dieser schon hinreichend skandalösen Entfremdung der Kunst vom normalen Bürger kommt bei den Rechten noch eine weitere hinzu, und das aus gutem Grund: Moderne Kunst AN SICH wird als links begriffen. Deswegen geht eine kritische Bemerkung zu unverständlicher Gegenwartskunst unter Linksbürgerlichen kaum über ein „Das sagt mir nichts.“ oder, volkstümlicher, „Kapier ich nicht.“ hinaus, und für ahnungslose, aber hippe junge Städter gibt es kaum eine effizientere Betrugsmasche, als angesichts befremdlich-bizarrer Kunstwerke irgendetwas Bedeutsames daherzuraunen. Ganze Berufsgruppen leben davon, und sicher ist die Strategie deshalb, weil niemand, wirklich niemand das ganze Getue grundsätzlich in Frage stellen wird. Soziale Distinktion vom kleinbürgerlichen Milieu gibts zum Nulltarif: Gefühlsseliges Zeug erzählen, versetzt mit ein paar einschlägigen Namen und Begriffen – und es läuft auf der Vernissage.
Und HACH! – Was kracht es herrlich, wenn die rechte Kulturkritik dreinschlägt, wie ich somit tat.
Der linke Weltzugriff will, in seiner verfeinerten (Adorno, Foucault), wie in seiner vulgären Form (Gutmenschentum) das Abseitige, das Anomale und, als nur scheinbaren Widerspruch dazu, der in Wahrheit das passende Gegenstück darstellt, das beliebige Gekleckse in der Zahnarztpraxis.
Interessanterweise, und dazu lohnte tatsächlich eine eigene Betrachtung, ist das nur so, solange sich die linken Kräfte parasitär (im Sinne des Böckenförde-Diktums) am Überlieferten abarbeiten. Sobald das Linke staatstragend wird, sieht die Kunst ganz anders aus. Man betrachte die Staatskunst der Sowjetunion und der DDR: Aufbau- und Menschheitskitsch, von Abartigem keine Spur – Die Zwangslage der Künstler brachte dabei immer wieder ganz besonders interessante und bedeutende Werke hervor (Dazu sei der Film „Dürers Erben“ von Lutz Dammbeck empfohlen).
Frank J. Schäpel malt, unter vielen anderen Motiven, Anomalien. Um sie zu zeigen, weil sie da sind. Er nennt das Dokumentarmalerei. Solche Abweichungen von der normalen, naturgesetzlich geregelten Wirklichkeit wären etwa UFOs oder Marienerscheinungen. Auch für ungeheuerliche oder gern verdrängte Vorgänge der ganz diesseitigen Sphäre schärft Schäpels Kunst den Blick: Er bannte die brennende Kathedrale von Notre Dame ebenso ins Bild wie die blutige Tat eines schwertschwingenden Amokläufers, die Verwerfungen des Corona-Regimes, oder an alten Fotos orientierte Soldatenbilder, Alltagsaufnahmen und Szenen des Grauens aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Schäpels figürliche, anatomisch akribische Malerei, deren Duktus in manchem an die Neue Leipziger Schule erinnert, vergötzt das Abweichende nicht und verhöhnt nicht durch gewollte Abgehobenheit den ungeschulten Betrachter. Sie richtet den Blick auf das Andere, das Unbehagliche.
Das rechte, skeptische Menschenbild betrachtet die Kunst als eine jener Institutionen, die den Menschen vor der Barbarei bewahren. Im Geiste C. G. Jungs lässt sich sagen, dass der Schatten, den man nicht sehen will, übermächtig wird. Schäpel malt die Schatten, die inneren Dämonen einer dem Gestell verfallenen Welt: Phänomene, die die Berechenbarkeit der Realität herausfordern, und dystopische Schandtaten einer hypermoralischen Staatlichkeit.
Im MACT/CACT in Bellinzona (Schweiz) will man solches nicht sehen.
Betrachten Sie darum selbst, was der Kunstbourgeoisie missfällt, denn Rechte sollten vor gar nichts Angst haben, am allerwenigsten vor moderner Malerei:






