„Schönheit schwindet aus unserer Welt, weil wir so leben, als ob sie keine Rolle spielen würde.“
- Sir Roger Vernon Scruton
Der Niedergang des Schönen
Schaut man sich auf Deutschlands Straßen um, findet man nur selten gut gekleidete Menschen. Sie stechen förmlich heraus, wirken bald fehl am Platz. Sie werden stets umsäumt von Kapuzenpullovern, die unter Funktionsjacken hervorragen, von Jeanshosen und Turnschuhen, überall Turnschuhe. Alles muß bequem, praktisch und günstig sein. Letzteres vor allem, weil die Stücke nicht gepflegt werden und ohnehin keine lange Lebenserwartung mitbringen. Dabei fügen sich die Menschen gut in die moderne Architektur ein, die Entformung machte nämlich auch dort nicht halt. Der Bauhausstil und die Funktionsjacke stehen also dem Fachwerkhaus und dem Lodenmantel entgegen. Ausschlaggebend ist die Heimatfähigkeit der Kleidung. Die Wahl des Lodens ist somit kein bloßer Rückgriff auf das Gestern, sondern die Entscheidung für einen gewachsenen Schutz. Schönheit ist eben nicht subjektiv, sondern hat sich über Generationen entwickelt. Es handelt sich um gewohnte Anblicke, bekannte Traditionen, die einen visuellen Heimathafen schaffen. Das eine wirkt artfremd, das andere vermittelt Gemeinschaft.
Auch der Ort und Anlaß bieten die Möglichkeit, sich angemessen zu kleiden, anstatt sich immer generisch sportlich zu kleiden, egal ob im Museum, beim Familientreffen oder beim Wandern. Durch den ausufernden Individualismus geht der Blick für das große Ganze verloren, vielleicht als Flucht vor der eigenen Geschichte. Damit hat also jeder einzelne seine Teilhabe am Stadtbild. Hier besteht eine Verantwortung der Gesellschaft gegenüber. Es dreht sich nicht allein um das eigene Befinden. Stattdessen ist man Teil der Gesellschaft, formt sie mit und vertritt sie auch nach außen. In der heutigen Zeit avanciert gute Kleidung zum revolutionären Akt gegen eine moderne Verkommenheit, sie hat fast schon etwas Altruistisches. Zumindest aber ist sie ein Beitrag zum Kulturerhalt.
Distinktion und Pflicht
„Kleider machen Leute“ klingt abgedroschen und hat doch nichts von seinem Wahrheitsgehalt eingebüßt. Ein Hemd mit Krawatte wirkt ernsthafter, ein aufgeknöpftes Leinenhemd dagegen lässiger. So leistet man der Gesellschaft nicht allein einen Dienst, sondern begünstigt auch die eigene Position in der sozialen Hierarchie oder unterstreicht, was man auszudrücken gedenkt. Selbst Menschen, die formellere Arten der Kleidung ablehnen, können sich diesen Mechanismen nicht entziehen. Das allein darf aber kein Antrieb sein, sich geschmackvoll zu kleiden.
Ein Blick auf das Erbe der Ahnen macht klar: Wir tragen Kleidungsstücke und Stoffe unserer Vorfahren. Ob schwerer Loden, Tweed oder Leder, es ist Material mit Geschichte, die man beim Tragen spürt. Den Effekt des Tragens gewisser Kleidung haben Hajo Adam und Adam D. Galinsky im Konzept „Enclothed Cognition“ thematisiert. In Experimenten stellten sie fest, daß ein getragener Laborkittel die Konzentrationsfähigkeit der Probanden erhöht hat. Maßgeblich dafür war die Symbolwirkung und die Erfahrung des Tragens. Diese Wirkung läßt sich in Form einer Selbstprogrammierung nutzen, wenn die Kleidung der Ahnen oder gehobener sozialer Schichten getragen wird, um deren Eigenschaften anzunehmen.
Es bedarf der Demut gegenüber diesem Handwerk, denn in der Herstellung hochwertiger Kleidung ist die Handarbeit allgegenwärtig. Das bewußte Kleiden ermöglicht das Bewahren eines Stückes europäischer Kultur, in gleicher Weise, wie es ein historisches Gebäude vermag. Wir lesen darin Hingabe, Handwerkskunst und Geschichte ab und schaffen dadurch eine Vertikale, die uns nach Höherem streben läßt. Sie schafft auch eine innere Hierarchie, durch die der Geist die Trägheit des Körpers überwindet. Das macht sich bemerkbar, wenn man das Sakko auf den Schultern spürt, woraufhin man die eigene Haltung anpasst. Die Korrektur des Krawattenknotens wird somit zu einer Überprüfung der Ordnung in Bereichen, die über Fragen zur Kleidung hinausgehen.
Der Weg zum Stil
Das Material unserer Kleidung wirkt sich auf verschiedenen Ebenen aus. Sei es das Gefühl, einen Kaschmirschal auf der Haut zu spüren, die Klimaregulierung eines Merinopullovers oder die Optik einer Flanellhose. Es hat das Potenzial Erhabenheit zu verschaffen und gedankliche Brücken zur Handwerkskunst zu schlagen. Eine Berührung des Harris-Tweed-Sakkos kann so die Gedanken nach Schottland auf die Äußeren Hebriden führen, in denen der raue Stoff noch heute nach langer Tradition handgewebt wird. Die Farben spiegeln die schottische Landschaft wider, besitzen auch deshalb einen starken identitären Bezug.
Auf die wichtigsten Naturmaterialien sei an dieser Stelle kurz eingegangen:
Leder
Die Tierhaut zeichnet sich durch ihre Robustheit und Strapazierfähigkeit aus, paßt sich aber auch dem Träger mit der Zeit an und kann durch seinen einzigartigen Geruch eine direkte Verbindung zur animalischen Quelle herstellen. Besonders Schuhe und Gürtel profitieren von diesem Werkstoff. Ein rahmengenähter Schuh ist kein lebloses Objekt; er fordert Geduld beim Einlaufen, doch belohnt er den Träger schließlich mit einer Paßform, die sich wie eine zweite Haut an die individuelle Anatomie schmiegt. Doch ist Leder nicht gleich Leder. Die Lederarten unterscheiden sich nach den Ursprungstieren, ob Rind, Lamm, Kalb oder Ziege und der Verarbeitung zu Glattleder, Nappaleder, Lackleder oder Nubukleder. Alle Variationen bringen ihre eigenen Eigenschaften, ob sie besonders stabil, geschmeidig, wasserabweisend, fein oder steif sind. Auch gewinnt Leder mit der Zeit an Charakter, da es eine Patina entwickelt und so eine Geschichte erzählen kann. Anders als Kunststoff, der verschleißt, besteht hier ein natürlicher Alterungsprozeß.
Wolle
Ob Schaf, Ziege oder Alpaka: alle liefern verschiedene Wollarten. Darunter die Schurwolle, die u.a. zu Tweed und Loden weiterverarbeitet werden kann und besonders strapazierfähig ist. Die vom Merinoschaf stammende Wolle ist temperaturregulierend und atmungsaktiv. Kaschmir von der Kaschmirziege oder Alpakawolle sind herausragend weich und hautfreundlich. Die Haptik der verschiedenen Stoffe ist ein großer Kontrast zu Kunstfasern und bietet in der modernen Welt noch etwas Echtes. Ein bloßes Streichen über den groben Tweedstoff erdet und holt uns aus dem, häufig digitalen, Alltag, die Berührung mit dem weichen Kaschmir andererseits kann Geborgenheit vermitteln.
Pflanzliche Stoffe
Vor allem Baumwolle und Leinen sind die vorherrschenden pflanzlichen Materialien, die in der Männermode Verwendung finden. Beide eignen sich besonders für die wärmere Jahreszeit. Gewachste Baumwolle, wie sie in Wachsjacken Verwendung findet, ist wasserabweisend und entwickelt über die Zeit ähnlich wie Leder einen eigenen Charakter. Das Wachs verleiht der Jacke aber auch einen unverwechselbaren Geruch, der Assoziationen zum Herbstschauer beim Spazieren im Wald wecken kann.
Alle Materialien haben gemein, daß sie hochwertig, gerne auch von Hand verarbeitet, noch deutlich an Tiefe gewinnen. Der Realität ins Auge blickend, muß aber eingestanden werden: Der größte Teil der Kleidung wird industriell am anderen Ende der Welt auf möglichst günstige Weise gefertigt. Dem läßt sich aber bedingt entgegentreten.
Noch wichtiger als der Werkstoff ist die Paßform. Hier darf es keine Kompromisse geben. Selbst das edelste Teil sieht katastrophal aus, wenn es mehrere Nummern zu groß ist. Das Kleidungsstück muß sitzen, egal ob Sakko, Hemd oder Hose. Ein Gang zum Schneider, um dies zu gewährleisten, ist gut investiertes Geld. Besonders die Ärmellänge und die Hosenlänge müssen häufig angepaßt werden, da sich unsere Anatomie stark voneinander unterscheidet und Normgrößen nur selten perfekt sitzen.
Zuletzt ist die Farbwahl entscheidend für ein geschmackvolles Auftreten. Man tut gut daran, sich an Erdtönen zu orientieren. Sie drücken, wie bereits hinsichtlich Material beschrieben, eine Naturverbundenheit aus und lassen sich untereinander hervorragend kombinieren. Ergänzt man die Palette um ein Marineblau, ist man imstande, auch Autorität gut zu vermitteln.
Bewahren statt konsumieren
Langlebige Kleidung ist immer eine gute Investition. Einen handrahmengenähten Schuh, ein Sakko aus Harris Tweed oder eine gut verarbeitete Wachsjacke kann man mit etwas Pflege nicht nur ein Leben lang tragen, sondern sogar vererben. Daher ist Qualität nicht nur hinsichtlich des Materials wichtig, sondern auch bei der Verarbeitung. Selbst ein edler Stoff verliert bei lausiger Verarbeitung seine Anziehungskraft und vor allem die Haltbarkeit. Handwerklich hochwertige Kleidung eignet sich dadurch auch für den Gebrauchtkauf. Bei vielen Kleidungsstücken entsteht besonderer Charme, wenn man ihnen ihre Geschichte ansieht. Es bedarf dabei genannter Pflege und manchmal auch kleinerer Reparaturen beim bereits erwähnten Schneider. Diesen sollte man, neben einem Schuster, stets an der Hand haben. Für den bekleideten Herrn ist dies unerläßlich. Mit ihrer Hilfe können die liebgewonnenen Stücke zu ewigen Begleitern werden.
Wählt man seine Kleidung vornehmlich von europäischen Traditionsmarken oder gar lokalen Manufakturen, grenzt man sich scharf von Fast Fashion wie H&M oder Zara ab.
Der Kauf gebrauchter Kleidung kann auf vielen Wegen beschritten werden. In lokalen Vintage-Läden, die derzeit an Popularität gewinnen, auf Flohmärkten oder auch im Netz über Portale wie Vinted und eBay. Beide Wege haben ihre eigenen Vorzüge. Lokal kann man die Paßform unmittelbar überprüfen, den wichtigsten Punkt direkt abhaken. Dadurch vermeidet man Fehlkäufe mit etwas Übung gänzlich. Das Angebot ist hingegen willkürlich und ein gezielter Einkauf so kaum möglich. Auf den virtuellen Marktplätzen findet man andererseits fast alles. Dafür muß hier gründlich bezüglich der Maße recherchiert werden und es besteht auch ein Risiko hinsichtlich verschwiegener Mängel.
Auch der Kleidungsstil kann zur Nachhaltigkeit beitragen. Wenn man sich nicht an Modetrends orientiert, sondern an zeitlosen Klassikern, die sich über Jahrzehnte kaum verändert haben, wird man auch nach Jahren mit den gleichen Teilen geschmackvoll gekleidet sein.
Aufbau der Garderobe
Als Orientierungshilfe können diverse Stile dienen. Sei es der britische Landstil mit seinen Wachsjacken und Cordhosen oder der Preppy-Stil, den amerikanische Studenten auf Eliteuniversitäten prägten, mit Chinohosen und Loafern. Dabei geht es vorrangig um Codes der Zugehörigkeit zu einer Geisteshaltung, nicht zu einem Bankkonto. Stile wie die beiden genannten bieten einen hohen Grad an Funktionalität, sind also keine Verkleidungen. Natürlich setzt das voraus, selbst ein Gefühl für die Kleidung zu entwickeln und sie nicht als Selbstzweck zu mißbrauchen. Ein Blick auf die Träger genannter Stile offenbart schnell den inneren Anspruch. Sobald dieser gegeben ist, trägt sich die Kleidung authentisch und nur wenige, meist aus Neid getriebene, Kritiker werden sie noch als Verkleidung verschreien. Es handelt sich dabei allerdings um einen fließenden Übergang und so ist die eigene Befremdung gegenüber gehobener Garderobe nicht zuletzt ein Symptom der gegenwärtigen Degeneration. Etwas Exzentrik schadet daher nicht, um aus dem Gewohnten auszubrechen und letztlich eine Beziehung zur wertigen Kleidung aufzubauen. Die Kenntnis der funktionalen Herkunft der Stücke schützt den Träger vor dem Eindruck der bloßen Kostümierung; sie verleiht seiner Erscheinung die nötige Schwere und Berechtigung.
Solch eine Vorauswahl an Stilen gibt ein Gefühl für harmonische Farben, Formen und Muster. Die europäische Mode wurde vor allem durch Briten, später auch durch Italiener geprägt. Ressentimentgetriebene Ablehnung gegen britische Mode ist daher nicht zielführend.
Darüber hinaus gibt es ein Fundament an Kleidungsstücken, die sich auch unabhängig von dedizierten Stilen immer empfehlen
Das Hemd
Ein Hemd verleiht Form und Souveränität, gerade heutzutage, wo das T-Shirt allgegenwärtig ist. Es muß dabei ganz und gar nicht nach Büro aussehen. Der Oxford-Kragen, der ursprünglich für Polospieler entwickelt wurde, verleiht dem Hemd Lässigkeit. Das schaffen auch Materialien wie Leinen, Muster oder Farben.
Die Chinohose
Wie viele Kleidungsstücke hat auch die Chinohose ihren Ursprung im Militär. Mit ihrer sauberen Linie ist sie ein wunderbarer Kontrast zur gewohnten Jeanshose. Das aufgeräumte Bild bietet den Oberteilen mehr Aufmerksamkeit und durch Farben wie Khaki, Marineblau oder Oliv entsteht ein breites Spektrum an Kombinationsmöglichkeiten.
Der Loafer
Dieser Schlupfhalbschuh hat seinen Ursprung in den Vereinigten Staaten. Er schlägt die Brücke zwischen Förmlichkeit und Alltag, ist dabei aber auch äußerst bequem. Ob Pennyloafer oder Tasselloafer, dieser Schuh paßt zur Chino, zum Anzug oder zur Jeans.
Darüber hinaus gibt es noch allerhand weitere Kleidungsstücke, die ein solides Fundament ermöglichen. Das Sakko, die Cordhose oder die Strickjacke sind nur einige Beispiele.
Um ein solides Gesamtbild abzugeben, ist die Qualität der Verarbeitung und des Materials unabdingbar. Hierbei gilt es sich nicht von großen Namen wie Hugo Boss täuschen zu lassen. Diese Marke ist zwar hochpreisig, liefert aber nicht mehr die entsprechende Qualität. Damit gerät man vom geschätzten Produkt zum Logo. Während der bekleidete Herr das Produkt oder dessen Substanz wünscht, geht es dem Konsumenten nur um den Status durch das Logo. Andererseits sind Fast Fashion Marken reine Wegwerfprodukte, die nicht nur minderwertige Materialien und schwache Verarbeitung bieten, sondern sich auch stets an Trends orientieren. Kurzum: Es mangelt an Wertigkeit. Wahrer Stil ist aber weitestgehend zeitlos. Damit gewährleistet man langfristig, daß die Stücke gerne getragen werden, dem Träger Haltung verleihen und ihn zu eben jener anspornen.
Ein unterschätzter Punkt sind kleine Accessoires, sei es eine klassische Uhr, ein Einstecktuch oder eine Krawatte. Sie können ein Auge für Details belegen und ein stimmiges Outfit abrunden. Freilich sollte damit nicht übertrieben werden, andernfalls kann die Wirkung ins Gegenteil umschlagen und man wirkt dandyhaft.
Ästhetik als politische Tat
In der Architektur werden häufig Fachwerkhäuser oder Renaissancebauten zurückgewünscht. Mit ästhetischer Bekleidung hat man aber selbst Mittel für ein besseres Stadtbild.
Bodybuilding oder der Kult um den schönen Körper sind bereits lange in der männlichen Kultur verbreitet. Für einen ästhetischen, wohlproportionierten Körper werden etliche Stunden in Kraftkammern aufgewendet. Da ist es nur folgerichtig, dass die Kleidung, welche über den hart erarbeiteten Körper gezogen wird, diesem Anspruch entspricht und ihre Vorzüge herausstellt. Und das nicht als eitler Selbstzweck, sondern als Mitarbeit an sichtbarer Ordnung und entgegen der fortschreitenden Degeneration.
Wird man in der heutigen Zeit von der grauen Masse dafür belächelt, sich ästhetisch zu kleiden, da man eine Krawatte, einen Anzug oder Lederschuhe auch fernab einer Beerdigung trägt, so darf dies als Bestätigung dienen, die Beliebigkeit überwinden zu wollen.





