Ein Weinberg in Großjena

Hochsommerliche Temperaturen und ein azurblauer Himmel. Schweißperlen glänzen auf meiner roten Stirn. Das Leinenhemd aufgeknöpft, um jeden leichten Luftzug einzufangen. Im Gänsemarsch, halb lässig, halb erwartungsvoll nehmen wir Meter um Meter auf dem Großjenaer Weinberg. Umgeben von Terrassen mit Rebstöcken und alten Trockenmauern, Weinhäuschen und einer sich öffnenden Landschaft. Saale und Unstrut mäandern gemächlich unweit von uns und ziehen wie Lebensadern durch die Täler.

20260710 163606 - Max Klinger und das Resonanzmosaik
Blick über den Weinberg

 

„Toskana des Ostens“, offenbart eine Stimme aus unserer Gefährtenschaft und untermalt den schweifenden Blick über die Landschaft. Wir bleiben stehen. Ich denke an Max Klinger.

Verstohlen blicken wir ins verschlossene Radierhäuschen. Erhalten nur fragmentarische Einblicke. Vor dem inneren Auge sehe ich den Leipziger Grafiker und Bildhauer. Sein prüfender Blick hängt streng über einer Radierung. Dann ist das Bild wieder verschwunden.

Weiter den Weinberg hinauf betreten wir das Max-Klinger-Haus. Vieles muss sich im Innenleben dieser Villa getan haben. Die Räume wirken kalt, steril, sind auf die Funktion eines Museums hin ausgerichtet. Ein anderer Kompass als mein eigener. Erhofft hatte ich mir Einblicke in „seine“ Räumlichkeiten. Die Aura eines Ortes, an dem jemand gelebt, gearbeitet, gedacht hat. Plastiken, Aquarelle, Drucke, Radierungen, Fotografien und in Kurrent verfasste Briefe verhalfen mir, dem Bärtigen einen Augenblick näherzukommen. Aber nur für einen Augenblick.

Ruhig zieht es uns durchs Gebäude. Auf unsichtbaren Bahnen kommen wir an Nietzsche und Wagner vorbei, blicken in Elsa Asenijeffs bronzene Augen, stellen uns vor, wie die von Klinger entworfenen Kachelöfen in den Wintern die Stuben wärmten, und staunen über die Anzahl der gefertigten Ex Libris. Wir ziehen weiter. Der Weg führt uns zu Klingers Tod. Kafka kommt mir in den Sinn:

„Es waren dort sehr künstliche, unpraktisch gewundene Wege, aber er glitt über einen solchen Weg wie auf einem reißenden Wasser in unerschütterlich schwebender Haltung. Schon von der Ferne faßte er einen frisch aufgeworfenen Grabhügel ins Auge, bei dem er haltmachen wollte.“

Unweit des Hauses liegt Klingers Grabanlage. Zwei Marmorbüsten empfangen uns wehmütig-weiß auf dem Plateau. Das Grab selbst ist schlicht. Jedoch nicht ohne Wirkung. Der „Athlet“ auf Klingers Grab blickt dramatisch in die Sonne, während wir uns der Stimmung des magnetischen Ortes hingeben. Die Blicke wandern über die Landschaft. Über Erde, Reben, Wasser, Häuser, Wege. Und doch ist dieser Ort für mich längst mehr.

Ich sehe nicht mehr nur Landschaft. Ich sehe Geschichte. Kunst. Erinnerung. Einen Namen, der sich mit diesem Stück Erde verbunden hat.

Vielleicht beginnt hier die Frage nach der Anziehung eines Raumes, nach einem Zentrum und nicht nach einem Punkt auf einer Karte. Gemeint ist vielmehr ein magnetischer Punkt, an dem sich Wahrnehmungen, Erfahrungen und Vorstellungen verdichten.

20260710 163719 - Max Klinger und das Resonanzmosaik

Ein geographischer Blick

Erinnerungen aus dem Geographiestudium steigen in mir auf. Der Schwarzwälder Geograph Walter Christaller hätte vermutlich anders auf diese Landschaft geblickt. Seine „Theorie der Zentralen Orte“ beschreibt Räume von der Versorgung her. Ein Ort erlangt dadurch Bedeutung, was er für seine Umgebung bereitstellt: Waren, Arbeitsplätze, Dienstleistungen, Verwaltung, Bildung. Je größer und vielfältiger sein Angebot, desto größer sein Einzugsgebiet.

Christallers Konzept besitzt rationale Klarheit: Zentrum. Einzugsgebiet. Reichweite. Auf der Karte erscheint eine starre Hierarchie: Unterzentren, Mittelzentren, Oberzentren. Räume werden geordnet, Entfernungen berechenbar, Beziehungen funktional.

Hier oben, auf dem „Klingerberg“, frage ich mich, ob wir uns auch kulturell tatsächlich so bewegen. Berechenbar und starr. Warum sind wir hier? Weil ein Name und die Landschaft Aufmerksamkeit gebunden haben. Klinger hat uns zu dem Weinberg geführt. Sein Schaffen hat die Landschaft, seine Umgebung verändert. Oder: Es hat verändert, wie ich und manch anderer sie sehen.

Vielleicht braucht kultureller Raum eine andere Vorstellung von Zentralität:

Anziehung statt Versorgung.

Aufmerksamkeit statt Bedarf.

Resonanz statt Einzugsgebiet.

Es entsteht der Eindruck: Wo die Raumplanung mit ihren Waben und Zentralitäten regiert, wächst keine Heimat. Dort gedeiht die sterile Ödnis deutscher Gewerbegebiete und Fußgängerzonen – Orte, an denen zwar der Bedarf gedeckt sein mag, die Seele aber regelrecht erdrosselt wird.

Ein kultureller Ort wird nicht allein durch seine Materialität bedeutend. Ein Weinberg ist zunächst ein Weinberg, ein Gebäude ein Gebäude. Kulturelle Bedeutung entsteht erst durch Wahrnehmung, Erinnerung und Erzählung. Materialität bildet nur den Anfang.

Ich denke an den Naumburger Dom. Draußen liegt die Sommerhitze, drinnen empfängt uns angenehme Kühle. Meine Schritte hallen über den Stein. Stimmen werden leiser, fast automatisch. Dann stehen sie vor mir: die Stifterfiguren Uta und Ekkehard. Ich kenne ihre Gesichter von Fotografien. Und doch ist es etwas anderes, ihnen tatsächlich gegenüberzustehen. Der Blick bleibt hängen. An Utas Gesicht, an einer Falte ihres Gewandes, an der Haltung Ekkehards. Für einen Moment wird der umgebende Raum nebensächlich. Man bewegt sich weiter auf der magnetischen Linie. In kurzer Distanz leuchtet ein Bleiglasfenster rot auf. Gestaltet hat es der Künstler Neo Rauch. Es fesselt und brennt sich ins Gedächtnis. Die Wirkung des „Triumphators über den Tod“ in der Krypta berührt auf ähnliche Weise. Wird ein Teil von mir.

Der Naumburger Dom ist ein Zentrum. Nicht, weil er mich im Sinne Christallers mit etwas versorgt, das ich für meinen Alltag benötige. Er zieht mich magnetisch an, bindet meinen Blick und erzeugt Erinnerung. Das ist eine andere Form von Zentralität.

Temporäre Zentren

Besonders deutlich wird das bei einem Sommerfest auf einem Rittergut. Wir sind immer noch im Land der Saale und Unstrut. Der Ort ist kein Dom, kein Monument, keine jahrhundertealte Kulturstätte. Und doch kann er für zwei Tage zu einem Zentrum werden.

Menschen kommen zusammen. Vorträge werden gehalten, Literatur wird gelesen. Stimmen mischen sich, Gläser klirren, Bratwurstduft vermengt sich mit dem von Kaffee. Man sitzt beieinander und spricht über Bücher, Autoren, Politik, Gott und die Welt. Am Abend fällt goldenes Licht auf die Landschaft.

Assoziationen zu anderen Ereignissen glimmen auf. Halle an der Saale: Georg Friedrich Händel, Moritzburg und eine Büchermesse. Altenburg: Schloss auf porphyrischem Felsen, die Roten Spitzen und ein Verlagstreffen.

Für diesen Moment besitzt das Rittergut eine enorme Zentralität. Sie ist temporär, entsteht durch die Anwesenheit der Menschen selbst – durch Aufmerksamkeit, gemeinsame Erfahrung, Atmosphäre. Später werden die Stühle weggeräumt und die Besucher fahren nach Hause. Aber etwas bleibt und schwingt weiter. Aus dem Ereignis wird Erinnerung, aus Erinnerung entsteht Erwartung. Das Flüchtige verfestigt sich. Neue Gedanken sprießen.

Lassen sich dabei nicht drei Ebenen unterscheiden?

Funktionale Zentralität (Christaller): Versorgung, Dienstleistungen, Erreichbarkeit, Einzugsgebiet.

Ästhetische Zentralität: Sie entsteht dort, wo Wahrnehmung verdichtet wird – in einem Kunstwerk, einer Architektur, einer Landschaft.

Symbolische Zentralität: Sie entsteht durch Erinnerung und Bedeutung, durch Geschichten und das, wofür ein Ort steht.

Diese Ebenen lassen sich kaum trennen. Ein Dom ist Architektur und Symbol; eine Landschaft ist Naturraum und Erinnerungsspeicher. Bedeutungsschwer wird es dort, wo die Ebenen ineinandergreifen.

Resonanzmosaik

„Der Ort verwandelt, überwachsen, abgebröckelt – doch die Szene, die dort entdeckt wurde, ist es nicht: die Begierde, das Zappeln, das Nicht-Dösen, das Dahinter-kommen-Wollen, das gleiche wie ein Vierteljahrhundert zuvor.“

Die Vorstellung vom kulturellen Raum verändert sich, aber folgt keiner starren Geographie. Er gleicht einem Mosaik. Manche Steine leuchten sofort, bei anderen erschließt sich ihre Form erst in der Nähe. Vor allem aber überschneiden sich die Felder. Ein Kunstwerk führt zu einer Landschaft, eine Landschaft zu einem Künstler, der Künstler zu einem Buch, das Buch zu einer Veranstaltung. Die Verbindung liegt in der Resonanz, nicht in der geographischen Entfernung. Wir sind die Fugenmasse dieses Bildes.

Der funktionale Zentrale Ort besitzt ein Einzugsgebiet. Das kulturelle Zentrum besitzt darüber hinaus ein Resonanzfeld. Auf einer Landkarte sind Orte bereits eingezeichnet; die kulturellen Linien dagegen zeichnet erst der Mensch – mit seinem Blick, seinen Schritten, seinen Interessen.

Kulturelle Zentralität ist deshalb dynamisch. Sie kann entstehen, verblassen und wiederkehren. Ein Ort kann jahrzehntelang im Schatten liegen und plötzlich neue Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Und manchmal funktioniert es umgekehrt: Der Ort verändert den Betrachter. Es entsteht eine Rückkopplung. Resonanz.

Irgendwann endet die Reise und der Betrachter nimmt Abschied von seinen Gefährten. Verlässt die Orte physisch und behält sie doch in sich verschlossen. Die Landschaften werden kleiner, verändern sich. Die Orte verschwinden hinter dem Zugfenster, die Distanz wächst. Und doch ist die Entfernung nicht mehr dieselbe.

Kulturelle Nähe lässt sich nicht in Kilometern messen. Ich kann Hunderte Kilometer von Naumburg entfernt sein und trotzdem gedanklich vor den Stifterfiguren stehen. Ich kann weit weg von Großjena sitzen und den Weinberg vor mir sehen. Ein Ort ist nicht nur dort, wo er geographisch liegt.  Er ist auch dort, wo er erinnert wird.

Und vielleicht war dieser Ort schon immer schön.

ASTER

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