Ein Blick in die Ferne, wehendes Haar, dunkler Bart, schwarze Baskenmütze. Mit dem berühmten Portrait von Ernesto „Che“ Guevara setzte sich Fotograf Alberto Cordas 1960 ein Denkmal. Und er machte damit „Che“ Guevara zur Ikone. „Che“, der James Dean der Revolutionären, der Archetyp des Rebellen. Er wurde zum Pop-Idol, am Ende zum globalen Konterfei für Ungehorsam und Nonkonformismus. Poster, Sticker, Fahnen, Kleidung – von Lateinamerika über Deutschland bis Peking – der südamerikanische Querulant avancierte zur Ikone einer Welt, in der er sich selbst nie sah.
Wie der Mythos begann, zeigt der Film „Die Reise des jungen „Che“. Auf Englisch heißt er „The Motorcycle Diaries“. Das klingt nicht nur besser, sondern es streift auch den Pseudo-Mystizismus um den heute so berühmten „Che“ ab.
Der brasilianische Regisseur Walter Salles hat sich für das Drehbuch an Guevaras Tagebüchern orientiert. Jener aus einer Zeit, in der er noch nicht der Zigarre rauchende, gewehrschwingende Freiheitskämpfer war, sondern der 23 Jahre junge, angehende Medizinstudent Ernesto. Der bricht 1952 mit seinem Freund Alberto Granado zu einem abenteuerlichen Motorrad-Trip durch den südamerikanischen Kontinent auf. 14.000 Kilometer in acht Monaten. Die Reise geht es auf staubigen Pisten und unwegsamen Pfaden, führt die jungen Abenteurer durch Argentinien, Chile, Peru, Kolumbien bis Venezuela – auf einer alten, knatternden Norton 500, die irgendwann im Laufe des Films auch gänzlich das Zeitliche segnet. Und das, obwohl sie von den beiden „La Poderoasa“ (z.Dt. Die Allmächtige) genannt wird.
Ernesto, zumeist schweigsam und nachdenklich, der ältere, Alberto, eher schwatzhaft und extrovertiert. Unterwegs begegnen den Freunden Bauern, Händler, Geschäftsleute, Tagelöhner – ein Querschnitt der lateinamerikanischen Bevölkerung dieser Zeit. Und Natur – viel Natur. So wirken Land und Leute auf die beiden, sie tauchen ein in das, was sie Heimat nennen. Sie erkennen, erstaunen, inhalieren. Eindrücke werden zu Offenbarungen, kurze Begegnungen zu bleibenden Erinnerungen, die sie verändern und prägen. Sie sind getrieben von der in ihrem Alter so elementaren Frage der eigenen Identität. Der Wurzeln und des Werdegangs. „Dies ist keine Geschichte über heldenhafte Männer“, diktiert Salles im Vorspann und bringt es damit auf den Punkt. Widerwarten ist der Film unpolitisch, gänzlich unrevolutionär.
Ernesto Guevara wird nicht als junger Rebell dargestellt, noch wird den Zuschauern ein actiongeladenes Road-Movie mit ineinanderfließenden Spannungsbögen geboten. Auch würde kaum jemand versuchen, den Film zu politisieren. Vielmehr liegt der Fokus auf dem inneren Erwachsenwerden, der Entwicklung von Wertvorstellungen, stets authentisch, grundehrlich, sanft, im Stillen. Nie etwa durch cineastische Paukenschläge, dafür aber werden zahlreiche Metaebenen berührt. Zum Beispiel Ernestos Verletzlichkeit, im Film dargestellt durch seine Asthma-Anfälle, seiner hoffnungslosen Hilfsbereitschaft, seiner tiefen Liebe zu seinem Land, die immer an ihm haftet wie eine zweite Haut. Überhaupt ist die Ruhe des gesamten Films ebenso wohltuend wie die brillante Untermalung des Gitarrenspiels Gustavo Santaolallas. Eine formidable Symbiose, die sogar bei einem Europäer Gefühle für die Idee eines vereinten Lateinamerikas wecken. „Motorcycle Diaries“ ist kein kämpferisches Pathos, sondern der Sockel für einen argentinischen Träumer, der nur wenige Jahre später seine Wandlung zum berühmten Revolutionär abschließen soll. 14.000 Kilometer in acht Monaten. Nicht einmal einen Bruchteil dessen sollte er später als Comandante „Che“ befreien.






