… von Fahrt und Schiff

singe mir, Muse …

 Vor dem Dom

wartet das schwarzweiße Kind.

Sein Gesicht sah ich nie, nur die Maske, die schweigt

für die Sekunde der fliegenden Fische.

Die Nordwest-Passage wächst durch die Stadt. Abend,

niemand bleibt stehen, die Fußgängerzone im Schlußverkaufs-

rausch, im Bahnhof dämmern die Nachtzüge auf. Wohin. Larrios

unterwegs zu den Mitternachtsjägern, die an der Sonderbar

stranden, er nickt mir zu, Melville

hat Dienst im Büro der Polar-Ingenieure,

trinkt Rasierklingen-Sud, der vorankriecht, im Hafen

die Stunde der barfüßigen Augen, Sterben

in Palermo, wispert der Anmeldemund

den Geschäftsreisenden zu im Schiffbruch-Hotel.

Der Kompaß sucht, die Sommernadel

tickt an die Häuser, hochgedrehtes Neon

in den Aquarien, Computer, von weißen Motten begehrt,

speisen ihr »schlafen schlafen« in Suchmaschinen, ent-

lassene High Heels, nachknisternd vom Tage, dem

Luftwaffengebrauch, die Küchenchirurgen wählen

Weidenblatt-Klingen, entspannen Filets auf Rot-

weinblöcken, Schüsse, im Fernsehen rütteln Ertrunkenenfeen

die Seemannslieder zurück in die Charts, ich

lausche und weiß nicht

wohin. Kabinen kühlen in den Häusern,

der Kommissar am Quai sitzt im schneckenförmigen

Mißtrauen, die Akten schweigen und schwelen.

Hier, unter Schlafzimmern mit Madonnenbildern,

umstellt von Korridoren aus mörderischen Kakteen,

krümmt sich die Stadt in ihre Skalen. Fangarme aus Flutlicht,

Cowboys nippen an Hopfengitarren, geblendet

von Spiegelmasse, die wünscht und wünscht und

sich in den Fenstern verzweigt. Das Vogelbauer ist weiß.

Delon raucht, starrt zur Decke. Blaue Hortensie, die

irgendwo glüht.

(BELLE EPOQUE) – Metalle,

sagte Frau von Stern, das war zum Beispiel:

Chrom. So brach das Licht herein, das waren Lichtschleppen,

welk schon an den Rändern von den Polituren

der Diplomatenzungen, die sich noch im k.u.k. Geplauder übten

untermalend feingeschnittene Kalküls. Das waren Ordenssterne

in aquariumweichen Szenerien, die fischbeschuppten Kürassiere

sind ja nun auch schon lang vergangen, doch ich sehe

noch immer eine Fliege laufen über jenes Flügeladjutanten

in Stein geschlagenes Gesicht, der Kaiserin zur Linken, die

einer ausgedörrten Echse glich an jenem Sommertag. Bougain-

villeen auf den Terrassen, ein tropisch süßer Duft: wie Frieden,

sagte Frau von Stern zu Schneckenstein, die hochgeschraubten Hauben

neigten sich, und Rauschen lief im Saal in eine Sandspur aus,

auf der man Wilhelms Stiefelknirschen hörte.

Und hörte sagen: Deutschland, wissen Sie,

das waren Türme, eingehüllt in Stimmen

wie in Tyrannei, das waren Dome

aus Karls des Großen Zeit, mit Pfalzkapellen und

heiligen Gebeinen in der Gruft, Deutschland war:

Nosferatu, der aus der Falltür klappt mit Veitstanz-Schatten,

ein dünner Mann mit Spinnenfingern,

die nach weichgezeichneten Gesichtern greifen,

diesen blonden Frauen mit brunnenblauen Augen,

Gretchen, die am Spinnrad sitzen in den Rosenstuben

gotisch giebeliger Fachwerkstädte. Das war der

Rhein, und floß durch alle Gassen mit fein-feinen

Ohren seiner Töchter, Deutschland waren

Ritter, die auf Schloß Dürande saßen, eingesponnen

von der Spindel Schlaf, drunten fuhr die Hochzeit

der Loreley mit Hörnerschall, Schalmeienklang,

und die schöne Braut die weinet, Deutschland hatte auch

Geheimratsecken, in den Musenhainen und Kräh-

winkelnestern, dort gab es Cantoreyn und die Kunst

der Fuge auch auf protestantischen Registern, Orgelspiel

gedackt und brausend wie die Große Fluth,

und hörte sagen: Deutschland

kannte orphische Musik,

(BELLE EPOQUE) – und war auch, sagte Frau von Stern, das

Blei. Der Kamm, der durch die Haare griff, durch Haar das war

ein Schwermetall, und bläulich war

das Haar, und stippte Schuppen auch auf Schulter und

den Drachenkragen, Schuppen die ein Glitzern hinterließen

auf der Perlmuttschaufel des Faktotums. Ging gebückt

und schlurfte zwischen Majestäten, kümmerte um

Krümel sich, ums Untere, wenn Oben gegen Oben

focht, die Krümel aber wogen schwer.

(NEMO) – der Leuchter ist ruhig, gemacht

aus Zoologenbesteck. Straßen unter arktischen

Laternen. Lymphe Licht, die Armee der Schatten

fährt ihre kugelsicheren Ikonen hoch, Soma

der Kutschen, das ist Täuschung. Immun-Globuline hacken

die Häuser, überschreiben Dateien ins Retro, für

Gesterngeschmack, Verkostung von Tagrand.

Mandelkerne, Fragmente eines ansaugenden

Saturn, Multimediazeugs die Kopierstifte in den Rillen

und Chips, die schon Lebewesen sind, Milchstraßenpakete, an-

geklickt, im Mitternachtsabteil wacht André Bourvil bewaffnet

im fassungslosen Interieur, kein Schlaf in Handschellen, Vogél.

Der denkt ans Türmen, Haut kann an einer

Sicherheitsnadel hängen. Sei sparsam mit Küssen.

Das Laken liegt weiß zur Geburt, glatt und

geruchlos, wie Vergessen. Greencards schlüpfen in die

Werkstatt der Gegengewichte, zeugen Drehzahlmesser,

schlingernde Künstler und das Abseits der großen Konzepte,

womöglich ein Bild: Das Mosaik des Winters, made from

Pixar-Studios, fremd wie ein Wostok-Raumschiff gestrandet:

Teeschalen, die schweben

langsam am Licht nieder. Im Zimmer

Bett und Gardinen aus klugem Papier,

schrifthungrig und kühl. Le samourai,

einsam wie der Tiger im Dschungel,

die steinernen Augen Delons. (Dann sagt er zu ihr:

Du kannst schlafen. Was kann ich tun? fragt sie.

Nichts, nichts.)

(BELLE EPOQUE) – Deutschland, deine Dichter,

sagte Frau von Stern, was Vogelweide sang auf seinem Steine

(ich han min lehen), dann lange nichts und Wolkenstein, und dann

Barock, das war die Zeit der kühlen jungen

Morgenblüthe, aus den Fugen

von dreißig Jahren Krieg, Opitz, Fleming, Simplizius

Simplizissimus, wir sind wie Rauch

von starken Winden, und verheeret, Silesius,

schlesisch Wandersmann, und Gryphius, der sang

Thränen des Vaterlands, denn Deutschland war

so mädchenjung im Sarg aus Glas, Schnee-

wittchen bei den sieben Zwergen, war

Eisenhans und Goldne Gans, Machandelbaum

am Brunnen vor dem Tore,

und Vater Gleim zu Halberstadt, und Garten-Brockes,

wer kennt sie noch, die Namen,

alte Verse, Klopstock, der den Frühling

und Messias sang, da weht schon Luft aus Sesenheim,

wo Finsternis aus dem Gesträuche

mit hundert schwarzen Augen sah,

und Goethe, junger Brausekopp, mit tausend

Pegasussen ritt, und Schiller, Hölderlin,

die Griechenland in Weimar suchten,

und Zipfelmützen fanden, Kunstsinn, Musenhöfe

und Goethen als Minister,

lang ist’s her.

(HIDDENSEE) – die Stille

im Gerhart-Hauptmann-Haus:

Seesterne in den Haaren der Freibeuter,

Bernstein, angespült in der Brandung, Splitter aus Vineta,

der strenge Blick einer Tänzerin mit weißem Haar,

in seinem Schlafzimmer bekritzelte Wände: Reden entfernt,

Schweigen ist die größte Kunst. Das Arbeitszimmer, Bauhaus-Stil,

ist dunkel getäfelt, drückend: roh behauene Heiligenfiguren:

ein Franziskanermönch, ein kindlicher Christus, warten.

Nautische Karten, ein Sternen- und ein Erdglobus:

Die Seidenstraße oben, vom Kaspischen Meer bis nach China,

vielleicht zog seine Sehnsucht dort mit Karawanen, Meertier

mit Fühlern und Flammen-Armen, Saugnapf-Städten

aus der Verwandtschaft der Kraken.

Hedin steht in seiner Bibliothek und auch, in wüstengelbem Leinen,

ein Buch von Gouzy Heim: Afrikaflug. Mag sein,

daß er im Innern Abenteurer war.

(… Funker: Peilung, haben Kontakt jetzt zum zerkratzten

Eltern-Sender, die Marconi-Telegraphen auf Titanic-, Panik-Decks,

und Audiographen, Schall in echoreichen Grund, dies

ist auch Karavellen-Sonde, Hansa-Funk)

(HIDDENSEE) – ein Stahlstich zeigt Goethe,

wie leben wir, wenn nicht für andere,

und sind gefangen in der Zeit. Ehrengabe der Stadt Wien

zum 80. Geburtstag: ein protziger Goldring mit Hakenkreuzen,

gezeichnet: v. Schirach, mochte Goebbels nicht

und seine Schreiben: Man kann den Geburtstag dieses

international bekannten Dichters nicht ignorieren. In Berlin

Sparflamme. Die Feiern sind auf Breslau zu beschränken. Gestattet

eine Inszenierung seiner Stücke. Der Ehrenring der Stadt Breslau

besteht aus Gold (massiv) und scheint den Fingern

alter Riesen angemessen. Der Stein ist grün,

wahrscheinlich ein Smaragd, ein Wappenvogel eingraviert.

Man fragt sich, ob er das getragen hat. Die Goldmedaille

des neunzehnzwölfer Preises lehnt daneben (Grass sagte:

Meine ist moderner), dahinter stehn die Bücher:

Naturkunde, populär, und Florilegien, der ganze Brehm,

auch scheint er Kirchenväter, Ibsen, und Napoleons Leben

gern gelesen zu haben. Das solid geschnitzte Stehpult ist

für einen großen Mann gemacht. Indirektes Licht,

die Decke ist gesenkt, original wie auch die Schalter

an der Wand, Baskülverschlüsse an den Fenstern, Glüh-

birnen. Van de Velde-Schreibtisch aus kaffeebraunem

Holz von Makassar (das ist bei Indonesien eine Insel),

ein Kranz darauf aus gelben Immortellen, Echo von

Fontane-Klang. Strohblumen (ersetzt zuletzt vor fünfzehn Jahren).

 (SINDBAD) – nach Hellas.

Waren Odysseus nahe,

den Zauberinnen, Seefahrer im Mittel-Meer.

Vor Zeiten, heute, Immerzeit. Wir kannten’s nicht, das Schiff

in seiner Ruhe, stahlgrauer Leib, die Maschinen

schwiegen. Zypern: die Brüste Aphrodites,

an denen abends Winde tranken.

Die Wellen rollten sich zu Monden.

Kapitän, rief unser Steuermann. Bärtiges

Gesicht unterm Schirm mit Kriegsmarine-Adler. Zeigte

auf die Mosaik-Fußböden unter uns. Fische

mit umgeschnallten Minen. Ein Schlangengesicht,

flimmernd von Feindschaft.

(HIDDENSEE) – in der Frühe

ging er in Franziskanerkutte spazieren. Die Inselbewohner

fanden ihn wunderlich und wenig gesprächig, er war nicht

von ihnen. Die Brandung rauscht aus Zeitentiefen.

Delphine. Die Sonne

des Nordens. Das klare Grün der Kindheit. Die Wellen

flüstern von Ionien (ist’s die Zeit? Die Zeit), sind süß

von Circes Lippen. Er sieht das Bild

in seinem Arbeitszimmer: Jünglinge, nackt um einen Quell,

im Frühling Griechenlands. (Das hing im Zauberberg,

in München, auch, beim Andern).

Wie einfach ist es, zurückzukehren.

Rädertier und Stern. Ein Segel lehnt am Licht.

(SINDBAD) – auf Sender Morgenland

die schwach schraffierten und gestörten Stimmen.

Die Staatskapelle spielt Webers Abu Hassan.

Bühnenbild aus Schellack-Tagen, mit Theo Lingen-Sprache und

nadeligen Geigenbögen in der Kamera. Das ist in Dresden,

diesem Musennest, ich hörte sagen: Beiboot Wien …

Und waren auf der Pequod, auf der Erebos: flackernde

Bilder, Humboldt-Strom. Und jemand sagte:

Wir. Auch Kriechstrom Belle Epoque, das war der Farn

im Leib der Tage, auf Jahrhundertwende-

Namen: Locarno, Agadir, Rapallo. Dieses Stresemann-Grün

der Hosen, gestreifter Zeitbezug, auch hat man gern

mit längsgestreiften Füllern unterschrieben. Flackernde

Filme an der Wand, Farbabtastung, 24 Fotos pro Sekunde:

Nennt man das bewegte Leben. Silberschicht und Licht.

(HIDDENSEE) – abends

hört er Radio. Beobachtet Vögel.

Der Sommer in Seedorn endet,

wenn der Wein getrunken ist. Bei den Biologen

wird gefeiert. Mit ihnen gibt es Streit

um einen Meter Weg. Auch mit den Leuten hier.

Sind eigensinnig, unduldsam manchmal, wie er.

Und manchmal hört man sie, die Linie,

die Blütenblätter zeichnen hin zum Licht.

Labung, murmelt er, ein Wort, das einfach klingt

aus seinem Mund. Wind im weißen Haar.

Nachts kommen die Geister: die Königin

des Kupfers, der Sanddorn-Reiter, Svantevit,

der den Sund beherrscht und die Ertrunkenen. Krieg

(Auszug aus: Nautilus)

Charon überquert den Fluß Styx von Patinir

ASTER

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