Der Schmerzensmann des Entertainments

In der bürgerlichen Welt, die wir bewohnen – vulgo Westen, Kapitalismus und liberale Demokratie – werden Menschen gesellschaftlich nach einem klar vorherrschenden Kriterium bewertet: Leistung. Nur wer irgendetwas leistet, Geld, Macht, Wissen oder Publikum akkumuliert, bringt sein Prestigekonto ins Plus. Wer im Minus lebt, als Nettoempfänger der Gesellschaft sozusagen, gilt als krank, unmoralisch, parasitär – was wiederum durch einen akkreditierten Opferstatus legitimierbar wird.

(Ich meine das wohlgemerkt nur deskriptiv, nicht „kritisch“. Das bei engagierten Bürgern beliebte Hobby, eine grundlegende Korrektur der Gesellschaft zu skizzieren, aus dem Chefsessel eines vorteilhaften Selbstbilds, gehorcht nämlich derselben Forderung, sich zumindest ideell nützlich zu machen, indem man einen positiven Beitrag im demokratischen Plenum liefert: Strebertum, Rechthaberei, Moral – fader Ersatz, Sinnattrappen, Wesentlichkeitsversuche … [Dass mein eigener Versuch, aus diesem bürgerlichen Hamsterrad gedanklich auszuscheren, selbst auch einem Leistungs-Ethos unterliegen könnte, einem Pionier- und Unternehmergeist ex negativo, akzeptiere ich; tatsächlich ziehe ich das Bürgersein dem Schweigen, ohne philosophische Grundierung, einfach aus Gewohnheit, vor.])

Seit Michel Foucault jeder Art Wahnsinn einen Opferstatus ausgestellt (“Verrückte” sind bei ihm bloß Ausgegrenzte, ihre Krankheit ein extrinsisches Konstrukt) und damit diese Außenseiter in die Aufklärung, die er bestreiten wollte, moralisch reintegriert hat und mit Émile Durkheim sogar Kriminelle als indirekte Nutzbringer der Gesellschaft gelten dürfen, bleibt echten Rebellen nur die Selbstzerstörung. Die einzige unumdeutbare Gegenrichtung zum progressiven Marsch ins kollektiv geringste Unglück, in Gleichheit und Ökonomie, ist die Entleibung, schrittweise oder als Suizid (der aber kaum zum Lebensentwurf taugt), die Verweigerung ohne jeden anderen Zweck, die Negation auf biozellulärer Ebene.

Diese Tendenz, das Faszinosum des Destruktiven, der Gewalt, des Todes, wirkt stark in all jenen dionysisch-antibürgerlichen Gegenbewegungen des 20. Jahrhunderts, zu denen neben ästhetischen Strömungen wie Dada, dem Expressionismus, den Beatniks, der Rock’n’Roll-, Punk- oder Skinhead-Subkultur auch der Faschismus gerechnet werden kann. Auf Umwegen setzt sich jedoch gerade in diesen prestigedefizitären Milieus immer wieder der bürgerliche Imperativ – Sei nützlich! Leiste etwas! – durch. Der Bürgerschreck wird schneller zum Minister als der Zimmermann.

Ozzy Osbourne ist ein selteneres Beispiel dafür, wie jemand aus jahrzehntelanger Selbstzerstörung zu einem Überlebensheros, einem Idol der Selbstveränderung emporwächst, wenn auch wirklich erst in seiner allerletzten Lebensphase. Genau diese Geschichte erzählt das Buch „Last Rites“, das mit dem finalen Auftritt von Black Sabbath im Rahmen des “Back to the Beginning”-Konzerts 2025 endet. Aus dem popkulturellen Beschwörer des Morbiden – dass der „Prince of Darkness“ bei einem Konzert 1982 einer Fledermaus den Kopf abbiss, gehört zum Sagenschatz der Postmoderne – wird ein vulnerabler Held, der dem dreist provozierten Tod wider jede Wahrscheinlichkeit ein paar Jahre und Projekte abtrotzt. (Wie man weiß, ist der Tod der größte Feind des Bürgersinns, da er die Immanenz, die letztliche Sinnlosigkeit jedweder Leistung, ja der Geschichte und alles Materiellen auf individueller, mithin maßgeblicher Ebene besiegelt; die bürgerliche Welt muss den Tod verdrängen, verhüllen, verleugnen; im Prinzip ist jeder aufklärerische Held ein Illusionist der Diesseitigkeit.)

Ich habe von diesem Buch, das man mir geschenkt hat, wenig erwartet, durfte aber eine der unterhaltsamsten und bestgeschriebenen Rock-Biografien lesen, die ich kenne (und ich kenne ein gutes Dutzend). Kostproben:

„Weil man den Atlantik [in der Concorde] schneller überquert hatte als die Zeitverschiebung, war man im Grunde schon betrunken, bevor man mit dem Trinken überhaupt angefangen hatte.“ (S. 299f.)

„Die Notaufnahme war eine Mischung aus Schlachthof und Zoo.“ (S. 86)

„Wenn man berühmt ist und sich an den Eiern kratzt, muss man es in den sozialen Medien posten.“ (S. 57)

“Da waren wir, diese drei fetten, versoffenen alten Säcke. Wir sahen aus wie das Darts-Team des örtlichen Arbeitervereins.” (S. 232)

Der witzige Ton – wer ihn verachtet, weil ihm Kichern beim Lesen peinlich ist, darf dieses Buch so wenig lesen wie Wieland, Heine, Sterne oder Céline – sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass im Buch auch Peinliches und Trauriges stilsicher erzählt wird. An vieles erinnere sich Osbourne aufgrund seines legendären Substanzenkonsums zwar nicht; lesenswerterweise jedoch an so einschneidende Ereignisse wie den Unfalltod seines Gitarristen Randy Rhoads, den Mordversuch an seiner Frau, das Aufwachsen im britischen Stahlarbeitermilieu und genügend Anekdoten zu Tourneen und Freundschaften mit Black Sabbath, AC/DC, Metallica, Van Halen, Motörhead und Led Zeppelin, um seine Memoiren interessanter zu machen als jeden durchschnittlichen autofiktionalen Gegenwartsroman aus dem Off bundesdeutsch-mittelschichtiger Erlebnislosigkeit.

Man liest zum Beispiel, dass Osbourne nicht alle Black-Sabbath-Alben durchgehört hat (nämlich nicht die mit Ronnie James Dio), dass sie für ihren meistgespielten Song „Paranoid“ von der ersten Idee zur fertigen Aufnahme nur fünfundzwanzig Minuten benötigten, dass ihn eine einzige Sauftour eine halbe Million Pfund gekostet hat, dass er seine eigene Hochzeit volltrunken verschlief, wie viel die unbeugsame Sharon Osbourne zu seiner Karriere beigetragen hat und dass Lemmy Kilmister („der einzige Typ, mit dem ich einfach nicht mithalten konnte“) zugleich der belesenste seiner Rockstarkollegen war, der dank Speed wochenlang nicht schlief und seine Wohnung in L.A. mit Hitlerjugend-Fahrtenmessern und SS-Uniformen dekorierte.

Die beiden Hauptthemen des Buches sind Sucht und Krankheit, deren Erbärmlichkeiten und absurde Abgründe ohne den schwarzhumorigen Ton ungenießbar wären: Weil er bei einem nächtlichen Hechtsprung neben dem Bett aufschlägt, gerät der über siebzigjährige Rockstar in die endlosen Mühlen der Jet-Set-Doktoren, die erfolglos versuchen, seine Wirbelsäule zusammenzuflicken. In diesem Handlungsstrang wandelt sich der clowneske “Madman” Osbourne zum pflichtversessenen Schmerzensmann des Entertainments; der Black-Sabbath-Hit “Iron Man” steht sinnbildlich sowohl für die Metalleinlagen, die sein Skelett zusammenhalten, wie für den eisernen Willen, von dem zumindest erzählt wird. (Dass solche Bücher Marketingkampagnen sind, immer vorausgesetzt.)

Der Mitautor Chris Ayres wurde schon für die Autobiografie „I am Ozzy“ (2010) sehr zu Recht ausgezeichnet. Dass Osbourne bis kurz vor seinem Tod im Juli 2025 mit ihm an diesem Nachfolgeband gearbeitet hat, ist ein geradezu unheimliches Timing. Auf den letzten Seiten blickt der Metalpionier dankbar und melancholisch auf ein Leben zurück, von dem er nicht weiß, dass es schon wenige Tage später enden wird: John Michael ‚Ozzy‘ Osbourne, dessen Stimme bis zum Schluss so unverkennbar war wie sein unverwüstlicher Humor und diese märchenhafte Resilienz, von der beide Biografien letztendlich handeln, starb siebzehn Tage nach dem „Back-to-the-Beginning“-Konzert in seiner Heimatstadt, nachdem er Zehntausende von Cognacflaschen, einen Flugzeug- und einen Quad-Unfall und in den letzten Jahren schwere Wirbelsäulenschäden, zwei Lungenentzündungen und eine Sepsis überlebt hatte, an einem Herzinfarkt.

Wollte man Schlechtes über Tote schreiben, könnte man sagen, dass er wie nur wenige aus seinem Dasein als Bürgerschreck ein Geschäft gemacht hat. Andererseits hat wahrscheinlich niemand es so wenig darauf angelegt. Vielleicht beruht genau darauf sein Mythos: dass in der bürgerlichen Welt Figuren nötig sind, die in sie nicht passen.

Oder doch? –

ASTER

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