I.

Sich verschwenden, sich verlieren, sich fallen lassen – das ist Jugend. Der kleine Anlauf zum großen Leben, atemlos und mit weiten Schritten getan, nur um ganz kurz vor dem Ziel doch noch zu stolpern. Die leise Enttäuschung, mit der viele Menschen auf diese Jahre zurückblicken, verdankt sich der Ahnung, dass all das, was man damals in Sturm und Drang hinter sich lassen wollte, doch das eigentlich Schöne am Leben war. Die erste Zigarette, die erste Schlägerei, die erste Liebe, sie werden von jungen Leuten nur als Übergang erlebt, als Passage zum Groß-, Frei-, Erwachsenwerden, aus den Augenwinkeln heraus. Dabei sind diese Momente die Hauptsache. Wer das merkt, ist seiner Jugend unversehens entwachsen, hat sich gehäutet wie eine Schlange, ist ernst geworden, klug – und traurig.

Die Jungen können das nicht wissen, weil sie nicht nachdenken, sondern in die Zukunft starren — oder im Moment leben. Dem ausgewachsenen Menschen ist diese Form des Zeiterlebens nicht vermittelbar. Er hat Termine, eine Herkunft, Beruf und Besitz. Genau das ist, was die erlebte Vorzeit für die bewusste Nachwelt so anziehend macht. Die Altgewordenen können sich nicht an dem fröhlichen Leichtsinn der Jungen sattsehen, die gedankenlos mit ihrem Leben spielen. Der Film „Parthenope“ des italienischen Regisseurs Paolo Sorrentino ist eine Ode an genau diesen Leichtsinn: Er erzählt die Geschichte eines Mädchens, das seine eigene Anmut auf dem Gewissen hat.

II.

Die 1950 in Neapel geborene Parthenope läßt sich in den ersten Jahren ihrer Blüte rein von der Liebe tragen. Ihr Vater verdingt sich als rechte Hand von Achille Lauro, dem Prinzregenten der italienischen Rechten – erst Faschist, dann Monarchist, dann wieder Faschist. Der einstige Bürgermeister der Stadt, von seinen Anhängern immer nur „Il Comandante“ gerufen, liegt der jungen Frau genauso zu Füßen wie alle anderen Männer. Sie verlieben sich, sobald ihr Blick das von Kastanienhaar umspielte Augenpaar kreuzt. So kommt Sandrino um den Verstand, der Sohn der Bediensteten. So auch ihr eigener Bruder Raimondo.

Parthenope verschwendet zunächst keinen Gedanken auf ihre Reize. Sie ist klug, doch ihre Klugheit ist sokratischer Natur – verschlagen, kokett, naseweis. Ihre kecken Antworten dienen nur dazu, ihre Schönheit zu unterstreichen. Sie tarnt ihre Einsichten absichtsvoll hinter einem unbezwingbaren Lächeln. So erscheint das Mädchen, das so vieles ist, einfach nur als schön. Dem schmachtenden Sandri neckt sie durch ihre Art:

„Die Zigarette nach einem Bad im Meer schmeckt viel besser, als wenn man nur im Pool war.“

„Weißt Du auch warum, Sandri?“

 „Nein, Du?“

„Nein. Ich bin noch zu jung, um all die feinen Unterschiede zu erfassen.“

Parthenope hätte nichts als anmutig sein sollen, und studierte doch Anthropologie. Grazie und Intellekt, Anmut und Vernunft bekämpften sich in ihrer Figur – glänzend gespielt von Celeste Dalla Porta. Den Sieg trägt die Wissenschaft davon. „Es ist schwierig, genau hinzuschauen, weil es das Letzte ist, was wir lernen“, weissagt der alte Professor Marotta, ihr Mentor an der Universität. In dem Moment, als die junge Frau diesem Fingerzeig folgt und die Augen öffnet – das Haar zu einem strengen Knoten gebunden, ihren Körper in einem grauen Bürodress eingemottet –, wird sie unsichtbar.

„Mag sein, dass es wundervoll war, jung zu sein – es ging schnell vorbei“, seufzt die 53 Jahre alte Parthenope, Professorin geworden, über die vergangenen Tage am Strand von Neapel, allein mit den sinnlichen Gestalten des Meeres und der Männer. Sorrentino liefert die flankierenden Bilder: Farben, Rausch, Nähe. „Ist Ihnen überhaupt klar welchen Aufruhr ihre Schönheit verursacht?“, fragt sie der Schriftsteller John Cheever damals in einer sonnendurchtränkten Sequenz. Die Frage des Dichters entfaltet ihren aschfahlen Hintersinn, als sich der Bruder von Parthenope in greller Verzweiflung das Leben nimmt.

Der Unglückliche, der seine Schwester so verzweifelt begehrt, brennt bei ihrem Anblick in den Armen Sandrinos aus und stürzt sich in die Klippen von Capri. Er lässt sich fallen – ein Akt der Jugend. Noch im Trauerzug hinter dem Sarg trifft Parthenope den Entschluss, ihre Schönheit ein für alle Mal hinter sich zu lassen. Sie nimmt eine Stelle an der Universität Trient an, wo sie 20 Jahre lang als Anthropologin arbeitet, um sich unversehens, am Rande des Ruhestandes, ohne Jugend, Schönheit und Glanz wiederzufinden – nur noch Mensch, keine Göttin mehr, „am Leben und allein“. Vergeudet, verschwendet, falsch abgebogen.

III.

Hätte sich Parthenope einfach fallen lassen sollen wie Raimondo, der den Liebestod in der Jugend wählte, wo die Zeit noch vollendete Formen schenkt? Und weiß die Jugend jemals um dieses kostbarste Gut, so früh schon vollendet zu sein? Wie sollte sie, wo sie doch denkt, noch alles vor sich zu haben? Verhält es sich in Wahrheit nicht umgekehrt? Sind die Jungen nicht die einzigen, die auf nichts mehr hinleben müssen, weil sie höher stehen, reiner denken und weiter sehen als alle anderen? Das ist die tragische Illusion, die Sorrentino einfängt. Dass der Mensch nach seiner Jugend weiterlebt, obwohl in ihr schon alles erreicht ist. Ein Rätsel in Bewegtbild gebannt.

In den letzten Szenen des Films sieht man das Leben der Frau dadurch gleichsam ein zweites Mal an sich vorüberziehen, so als würden da zwei Streifen auf die Leinwand geworfen. Parthenope, die im Alter ihren Jahren als Göttin zuwinkt, wirkt auf einmal schon als Studentin frühvergreist. Die Einsicht in den Zusammenhang des eigenen Lebens vertreibt die Jugend. Das Schicksal wird nüchtern betrachtet zu einer Aneinanderreihung falscher Entscheidungen. So verhärmt kann nur der Erwachsengewordene auf die Welt blicken.

Parthenope schlägt dieser melancholischen Sichtweise noch in den letzten Sekunden des Films ein Schnippchen, verabschiedet sich mit den Worten: „Vielleicht ist das alles gar nicht wahr.“ Denn was an dem Gedankengang nicht wahr ist, das ist die Perspektive der Rückschau selbst. Die Jugend geht nach vorne, sie sprüht vor Ideen, strotzt vor Kraft und kann sich dabei doch nie selbst begreifen. Dafür bräuchte sie einen Spiegel, dieser wäre aber nur die Zukunft, die sie aus verlebten Augen anstiert. So ist sie verurteilt, sich im Getümmel knapp selbst zu verpassen, die Revolution offenen Auges zu verschlafen, obwohl all diese Dinge ihr Werk sind.

Der Film widerspricht damit auch dem Diktum Kierkegaards, man könne sein Leben nur rückwärts verstehen, obwohl man es vorwärts lebt. Wer „Parthenope“ gesehen hat, weiß: diese Rückschau ist Lüge. Jugend ist bewusstlos, lebt in Bildern, atmet Farben. Sorrentino artikuliert diese Einsicht mit der Kamera, deren weite Perspektiven, langsame Fahrten und sparsame Schnitte so reich, so großzügig ausfallen wie das weiße Laken, das die nackte Parthenope auf dem Balkon umarmt. In diesem Moment erweist die junge Frau ihrem Namen die Ehre, Sirene zu sein. Die Wucht ihrer Erscheinung wirkt mythisch, sprengt die Begriffe, vertreibt die Zeit aus den Hirnen. Sie lässt sich fallen, bringt ihren Geist der Jugend zum Opfer.

IV.

„Das Leben ist ja doch gewaltig. Man geht sich überall verloren“, schreibt Céline in seinem Romanfragment „Krieg“ – als Motto dem Film vorangestellt. Der Schriftsteller Volker Zierke sekundiert im Podcast „Von rechts gelesen“: „Das ganze Leben ist so groß und so vergänglich, so schnell und irgendwie auch so langsam und so kompliziert, dass es eigentlich unentschlüsselbar bleibt.“ Für Sorrentino ist das kein Makel, sondern Absicht, willentliche Tat der Jugend, sich fallen zu lassen, auf den Grund zu sinken, im eigenen Schicksal zu ertrinken. „Parthenope ist eine intellektuelle Figur“, mahnt der Filmkritiker Wolfgang M. Schmitt. Und er hat recht, doch anders, als er denkt: negativ gewendet. Der Intellekt der blutjungen Neapolitanerin wirft seinen Scharfsinn nämlich zu einer Zierde zweiter Ordnung auf, erniedrigt – nein, erhöht – sich zum Beiwerk ihrer Erscheinung, wie es Armreif und Haarspange sind. Nachfolgender Wortwechsel mit Politeminenz Lauro steht für die Finesse dieses ganz buchstäblich zu verstehenden Schönheitsideals Pate:

„Wäre ich vierzig Jahre jünger als ich jetzt bin, würdest Du mich dann heiraten?“

„Die Frage müßte anders lauten, Comandante.“

„Und wie?“

„Wäre ich vierzig Jahre älter als ich bin, würden Sie mich heiraten wollen?“

Der Flirt mit dem Geist endet für das Mädchen verhängnisvoll, das mit dem Tiefsinn schäkernde Mädchen lässt sich von der Erkenntnis – dem absolut Unattraktiven – verführen, isst vom verbotenen Apfel. Mit einem Mal öffnet Parthenope die Augen, nur um zu sehen, wie ihre Lieblichkeit verwelkt. Da ist sie, die Wahrheit. Sie bringt die Jugend zu Fall, zur Besinnung. Eine Tragödie.

V.

Wie weiter nach „Parthenope“? Soll das etwa ein zwingendes Schicksal sein: Die Jugend zu verdämmern, um sie im Alter zu beweinen? Altern wäre dann unser Broterwerb; wir wären Greise, egal wie viele Jahre wir zählen. Immer Gedanken nachhängend, in Erinnerungen schwelgend. Ideen wären unsere Freunde, Argumente unser Umgang. Auf alles hätten wir eine Antwort, doch Antworten wären auch schon alles. „Früher“, „Einst“ würde unser Gefängnis heißen, denn nur Gichtleidende kennen die Vergangenheit, nur sie haben eine Geschichte. Oder gibt es doch noch ein großes Zurück zu ewiger Jugend hin? Wenn, dann nur, indem wir die Kunst des Vergessens lernen. Verlernen, was wir wissen: Denken, Rechnen, Zählen, Schreiben, Lesen, ja selbst Laufen. „Lass Dich fallen“, ruft der „Parthenope“ dem Publikum immer wieder zu; der Film fordert, sich zu verjüngen. Seinen ersten Schritt zu tun, seinen ersten Einfall zu haben, sein erstes Wort zu sagen: alles neu zu machen. Das ist Jugend, das ist Revolution, die selbst nichts anderes ist, als der Versuch, ein einziges Mal wieder jung zu sein.

Denn nicht nur Menschen kennen die Jugend, sondern auch Staaten, Völker, Ideen und Künste. Der junge Hegel, der junge Goethe, das Junge Deutschland – Versuche einer zweiten Jugend, die Karten neu zu mischen. Wer das schafft, dreht das Spiel; sei es nun als Jungeuropäer oder Jungkommunist. Sich verschwenden, ganz gleich, woran man glaubt. Die Welt verändern, ja; vor allem aber, sie zurück auf Anfang zu setzen. Darauf kommt es an. Dass man sich nach dem großen Kladderadatsch an nichts erinnern kann, weil man schon wieder zu viel getrunken hat oder einfach in der Ecke eingepennt ist … was macht das schon? Das ist alles nicht wichtig. Wichtig ist nur, dass man nie genau weiß, was man eigentlich tut. Denn dann ist man wenigstens einen kleinen Moment lang jung – wie der Sommer, wie die Schönheit, wie Parthenope.

Parthenope (2024) ©Giovanni Fiorito

ASTER

account android arrow-alt-circle-down arrow-alt-circle-left arrow-alt-circle-right arrow-alt-circle-up arrow-down arrow-left arrow-right arrow-up author bars behance blogger bluesky buffer caret-down caret-left caret-right caret-square-down caret-square-left caret-square-right caret-square-up caret-up cart-menu-1 cart-menu-2 cart-menu-3 cart-menu-4 categories chevron-down chevron-left chevron-right chevron-up clock close comments cookies copyright coupon-discount date-modified date-published discord double-arrows-down double-arrows-left double-arrows-right double-arrows-up dribbble envelope-open envelope eye facebook fax flickr foursquare github gmail google-drive grid-view hashtag hollow-ring homepage instagram ios level-down-alt level-up-alt line link linkedin list-view login logout long-arrow-alt-down long-arrow-alt-left long-arrow-alt-right long-arrow-alt-up mastodonmedium messenger mobile-menu mobile phone pinterest place qq quote-left quote-right quotes reading-time-hourglass reading-time-stopwatch reddit rss scroll-to-top search shazam shopping-bag shopping-cart side-panel-opening-2-left side-panel-opening-2-right side-panel-opening-left side-panel-opening-right skype slack small-arrow-down small-arrow-left small-arrow-right small-arrow-up sms snapchat soundcloud spinner spotify stackoverflow sync telegram threadstiktok times-circle tinder trello tripadvisor tumblr twitch twitter viber vimeo vine vkontakte website wechat whatsapp windows wishlist xing yelp youtube zoom