Mehr als ein Jahr lang stand er nun schon in der Garage, nachdem wir ihn aus Dessau abgeholt hatten. Dort lagerte das gute Stück in einem Hinterhof zwischen Kleiderkisten, altem Werkzeug und allerlei DDR-Kram. Dort roch es wie im Schuppen meines Großvaters, manche kennen vielleicht noch diesen Geruch, eine Mischung aus Öl, Eisen und Farbe. An der Holztür hing diese dunkelgrüne Jacke.
Die Kommode hatte uns sehr wohl gleich gefallen, als wir nach einem passenden Exemplar auf Kleinanzeigen eine Weile stöberten. Allein die Bauweise: typisch DDR. Die Modelle sind minimalistisch pragmatisch, aber auch wiederum bescheiden kompakt, hübsch und zum Teil Mid-Century. Das im MDW-Programm (Möbelprogramm Deutsche Werkstätten) entwickelte DDR-Design war im Ausland beliebt. Den flexiblen Anbauwände und Multifunktionsmöbel sagte man nicht zufällig eine Nähe zu IKEA-Design nach. Wir besitzen bereits eine Art Sideboard aus irgendeinem VEB (wahrscheinlich Dessau oder Aschersleben), ein weiteres Möbel war daher naheliegend.

Den Lack haben wir rundum und innen abgeschliffen und einen dunkleren Ton neu aufgetragen. Jeder schliff einmal, jeder nahm den Pinsel in die Hand. Sowas kann auch ein geeignetes Familienprojekt sein.

Auf Kleinanzeigen finden sich überall mehr oder weniger gut erhaltene DDR-Möbelstücke, in die manche ordentlich Zeit und Geld reinstecken, lackieren farbig oder kleben eine Tapete an die Rückwand.

Das Design fügt sich nahtlos ins gängige Millennial-Wohnzimmer ein, nicht selten eine Mischung aus Antiquariat und IKEA. Unser Dunkelbraun (Palisander?) lässt sich mit vielen Erd-, ebenso Blautönen kombinieren. Auf Pinterest weckte eine hübsche gelbgemusterte Tapete, die jemand an die Rückwand geklebt hat, unsere Aufmerksamkeit. Auch sehr reizend, schließlich soll der Schrank nicht nur einer unter vielen werden, sondern Bücherschrank und Schaufenster. Weniger für Gäste als für die Kinder. Für wen macht man das letztlich sonst alles? Wir machen es für uns, aber ich selbst könnte verzichten, aber im Mittelpunkt steht in unserer Lebensphase nun einmal der Bildungsauftrag.

Gute Bücher sind bei uns essenziell, und ein sichtbarer, zentraler Standort der wichtigsten Werke ist nur eine Konsequenz der Überlegungen. Nun steht er da, frisch aufbereitet, und ist noch leer. Ich beginne sofort, vor dem geistigen Auge zu sortieren, was muss rein, was fliegt im Zuge dessen gleich raus (ich liebe es auszusortieren, es fiel mir selten schwer), und was muss wo stehen. Mir stehen drei Etagen zur Verfügung.

„Dein Nazizeug stellen wir da aber nicht rein.“ Süß, gemeint ist mit diesem Seitenhieb aber nicht wirklich „Nazizeug“, sondern runtergebrochen: Weltanschauung. Tatsächlich hatte ich dies nicht vor, ist der Auftrag doch ein anderer. Ich argumentiere, stattdessen folgenden Anspruch zum Tragen kommen lassen zu wollen: Erste Reihe: Gegenwart. Hier-und-Jetzt-Schau, meine Generation, Leute, die mir und uns was zu sagen haben und nicht direkt verblassen in Nachbarschaft zum Faust. Ich lese gerne neue, aktuelle Sachen, sie müssen aber wie gesagt, bestehen können. Trotz aller Zeitgeistigkeit will ich sie gerne in die Hand nehmen. Tellkamp steht neben Mann, steht sogar über ihm, in der Hinsicht, experimenteller, dunkler und aktueller zu sein. Ich stehe mit den Klassikern überhaupt nicht auf Kriegsfuß, sie sind ohne Frage wichtig, muten teilweise an wie herrliche Säulen, die einen etablierten deutschen Kanon stützen, aber immer auch wie angestaubt. Aber sie stehen. Es ist wohl einfach so, es ist reine Vorliebe. Ich will die Gegenwart verhandelt sehen, episch, risikoreich und breit, gerne popliterarisch oder einfach mit sehr hohem Anspruch, denn wenn es gut ist, dann ist es eben gut, sofern sie mit einer gewissen Ernsthaftigkeit auftreten. Zu viel Ironie ist nicht meins. Ein tragisches Zeitalter will dokumentiert sein. Stünden die Klassiker ganz oben, der Schrank würde schon wieder auf so eine antiquierte Art und Weise bürgerlich wirken, nicht auf eine verträumte, romantisch-existenzielle bürgerliche Weise. Das Ganze soll ja keine Gedenkstätte oder Kulisse sein. Der Schrank ist gedacht als lebendiger Ort.

Zweite Reihe? Goethe, Jünger, Benn, Rilke, Hofmannsthal, Schiller, Novalis, George, ich muss nicht weiter ausführen, das ist konservativer Kanon. Wir bleiben also auch hier weitestgehend in der Mitte Deutschlands, dort, wo der Geist seine kräftigsten Wurzeln und die schönsten Blüte hervorbrachte. Davon zehren wir heute noch. Klar stehen hier auch moderne Sachen wie Strauß oder Bernhard. Man schafft es, aber es ist nicht ganz leicht, die jeweils wichtigsten Werke auf einem Meter zwanzig Breite auszuwählen. 

Dritte Reihe Kunst, Bild und Biografie. Man will einfach wissen, was Heiner Müller zum 20. Jahrhundert zu sagen hat oder Karl Lagerfeld konstatiert, was Werner Tübke wirklich über sein Opus Magnum in Frankenhausen dachte und Paul Klee über die Kunst verfasste.

Manchem dürften da Philosophie, Theorie und Religion fehlen? Die bleiben im Arbeitszimmer, hier aber auch mittlerweile: als geprüfte Auswahl, man verfügt im modernen Wohnraum schließlich nicht über unendlich viel Platz. Dasselbe gilt für Essays und Sachliteratur. Für Kinderbücher ist selbstverständlich Platz reserviert, aber grundlegend gehören sie ins Kinderzimmer, wo sie vorgelesen werden. Auch hier muss man sorgfältig vorgehen – es gibt zu viel Schrott, der sich über die Zeit ansammelt. Die gewitzt-edlen Abenteurer in Der Wind in den Weiden erhalten genauso ihren Platz wie Schmachtls Snöfrid. Überhaupt werden Abenteuergeschichten geliebt, nicht nur als das Kindergenre schlechthin, auch wir Erwachsenen lesen sie gern. Seumes Syrakusreise, Erharts Stundentrommel oder Cibulkas Wegscheide. Unterm Strich reden wir hier also von circa 50 Büchern, wenn der Dekokram nicht wäre, locker über 70.

Man richtet sich über die Zeit ein und stellt damit die Frage, was man vorleben will und welche Werke man als Teil der Erziehung zum ästhetischen Menschen als fähig erachtet. Denn der Weg zur Freiheit führt über die Schönheit. Zuerst die Ansprache über den Stoff, dann die Formung. Wenn man die Möglichkeiten hat, gute Dinge überhaupt sichtbar werden zu lassen und in Griffweite zu bringen, sie so in die Alltagswahrnehmung zu integrieren, dann ist ein kuratierter Bücherschrank eine solche gute und schöne Möglichkeit, von der alle profitieren werden, die in seine Nähe kommen. Ordnung ist angeblich das halbe Leben (was schlicht und ergreifend stimmt) und Bildung sollte man nicht den falschen überlassen.

Ich sortiere derweil noch, habe gesehen, dass inzwischen wieder Bücher getauscht, neue hinzugefügt wurde. Kleine Fettfinger auf der Scheibe sagen mir, dass die Entscheidung richtig war. Der Schrank bleibt eine Lebensaufgabe, ein schönes, ernstes Spiel. Ich habe mittlerweile auch einiges getauscht.

ASTER

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