Städtebeschimpfung – Lutherstadt Wittenberg

„Die Hölle, das sind die anderen.“ – Jean-Paul Sartre

I. Lutherstadt Wittenberg

Es ist Sommer und ich treffe einen alten Freund. Ben wohnt in Berlin und ich in Leipzig, also treffen wir uns in der Mitte. Und so sitze ich im Zug nach Wittenberg. „Das heeßt LUTHERSTADT Wittenberg“, blökt mich ein grantiger Rentner an, als ich, mehr zu mir selbst, die Leuchtanzeige am ICE laut vorlese. Jaja. Lutherstadt Wittenberg. Was ist das überhaupt für ein Zusatz? Lutherstadt Wittenberg. Wien hätte es niemals nötig, sich etwa Falcostadt Wien zu nennen. Oder Berlin Ninahagenstadt Berlin. Oder New York Jenniferlopezstadt New York. Nur eine Stadt, die armseliger an Geschichte nicht sein könnte, braucht diesen verzweifelten Zusatz, der diesem kleinen Fleck auf der Landkarte doch noch irgendeine Bedeutung beimessen soll. Das ist so wie Hagrid, der in der Taverne in der Winkelgasse ganz laut sagt „Hier bin ich mit MEINEM FREUND HARRY POTTER“, und die Lutherstadt ist Harry Potter und Wittenberg der fette haarige Hagrid, der keine Freunde hat. Oder zumindest keine coolen. Als ich am Bahnhof der LUTHERSTADT Wittenberg aussteige, begrüßgähnen mir ein überraschend modernistischer Bahnsteig und ein geschlossenes Café entgegen. Es ist Sommer in Ostdeutschland und nichtmal ein einziger verdammter Skinhead läuft hier herum. Ich lasse den aufdringlich sauberen Bahnsteig hinter mir und wundere mich, dass hier ICEs halten und überhaupt irgendwas hier fährt, mit welchem man die LUTHERSTADT Wittenberg verlassen könne. Ben und ich gehen durch die Innenstadt auf der Suche nach einem Lokal. Irgendwas Nettes, nichts Wildes. Wir mäandern durch die Gassen auf mausgrauem Pflaster vorbei an historischen Häusern in hässlichem Gelb. Wir schlendern an Pizzerien vorbei, die wahrscheinlich alle einem Inder gehören (ist zumindest in Leipzig so) und an deutschen hochpreisigen Gaststuben, doch noch überzeugt mich das gastronomische Angebot der LUTHERSTADT nicht. So betreibe ich weiter Gastrohypergamie, bis wir irgendwann, fast am Ende der ganzen Altstadt, ein urig aussehendes Lokal erblicken mit dem Namen „Zum Dorfbrunnen“. Die Fenster sind aus gittrigem Gelbglas und ein paar simpel aussehende Gartengarnituren stehen unter dem Vordach. Außer uns sitzt keiner hier, aber aus dem Innenhof um die Ecke hört man Stimmen. „Das is‘ doch was“, sagt Ben, „was Solides.“ Wir nehmen Platz auf Plastikstühlen in Holzoptik. Das Menü ist auf einem einfachen Blatt Papier gedruckt in Comic Sans. Als wir die Hand heben, um zu bestellen, klappt uns aber die Kinnlade herunter. Auf uns zu stapft ein blankes Grauen in Orange. Der Wirt ist ein vielleicht 1,60 Meter kleiner Mann um die 60 und hat eine Glatze. Am Oberkörper trägt er ein weißgeripptes Wifebeater-Hemd, das zahllose undefinierbare Flecken zieren. Auf der Nase des braungebrannten Gesichts thront eine runde Brille mit silbernem Rand, doch dieses Accessoire ist noch das harmloseste an ihm: sein Beinkleid besteht lediglich aus einer knappen Jeanshotpants, die gerade so die kleinen Backen bedecken; sie entblößen eigentlich mehr als sie bedecken. Die Beine des Wirts sind komplett glattrasiert und braun wie eine alte Apfelsine. Die gesprenkelte Haut glänzt in der schwachen ostdeutschen Sonne. Hätte er nicht diesen Hüftschwung, hätte ich ihn als Thailand-Veteran eingestuft. Er strahlt: „Willkommen!“ Ben und ich schauen uns vielsagend an. Wir bestellen trotzdem. Irgendwas, was man halt in der LUTHERSTADT so isst, nehme ich an. Das Essen, das der Lutherwirt uns bringt, besteht aus einer panierten Wurst, einer Ketchupsoße und einigermaßen ordentlich geschnittenen Toastdreiecken. Wir essen ohne besonderen Genuss. Als der Wirt nach einiger Zeit zurückkehrt, bekommen wir aber keine Pause vom Grauen. Launig kommt er um den Bonsaikübel zu uns gestolpert und zückt seinen Block, um den Nachtisch aufzunehmen. Mit der Hand, mit welcher er den kleinen Bleistift hält, wischt er sich nochmal die gigantische Rotzglocke weg, die ihm an seinem braunen Kinn hängt. Ich muss schlucken. Mein Freund lässt sich nichts anmerken und bestellt einen Kaffee, während ich nur noch matt verneine. Nach ziemlich kurzer Zeit kommt Jar Jar Binks an unseren Tisch und reicht Ben eine fast überschwappende Herzchentasse. „Hier, mein Hübscher“, säuselt er ihm zwinkernd zu. Die Flecken auf dem Tassenrand passen zum besudelten Ripphemd des Lutherwirts, welcher strahlt wie eine kleine perverse orangene Sonne mit Brille. Als ich auf Toilette gehe, wofür ich in den Innenhof des „Dorfbrunnens“ muss, starren mich die gelben Fenstergläser des Dorfbrunnens an. Es ist dunkel hier und ich erschrecke mich, als ich die Ansammlung eigenartiger Gestalten entdecke, die hier auf Plastikstühlen herumlungern. Ihre Blicke folgen mir, als ich die Stufen zum Damen-WC hochgehe und ich spüre, dass sie nichts Gutes verheißen. Drinnen kann ich sie noch obszöne Dinge reden hören. In was für eine schreckliche Situation bin ich hier nur hineingeraten? Was ist das hier für ein komisches Etablissement? Auf dem Weg zurück betrachte ich die zwielichtig aussehenden Männer auf den Stühlen und es tun sich vor meinem Auge Absonderlichkeiten hervor. Das kann kein normales Lokal sein. Alles hier schreit eher nach einem Umschlagort für etwas, was ich nicht benennen kann. Vielleicht etwas Garstiges, vielleicht etwas Unheimliches. Ich bekomme eine Gänsehaut, die ich schon die ganze Zeit hatte, seitdem ich den „Dorfbrunnen“ betreten habe, nein, die ich eigentlich schon hatte, als ich meinen Fuß auf lutherstadt-wittenbergische Erde gesetzt habe. Ein Blick nach oben und ich kann schon Freimaurerzimmer hinter den gelben Fenstern des „Dorfbrunnens“ sehen, sehe irre tanzende Schatten, die nur Abartiges und Scheußliches und Unsagbares tun auf Schachbrettfußboden, und in der Mitte der Ansammlung der glatzköpfige Lutherwirt als ihr Hohepriester. Umringt von lechzenden Jüngern, entblößt er sich in einem ekstatischen Tanz, die Haut mit Bronzefarbe eingeschmiert, die im Kerzenlicht glänzt, begleitet von dunklen Chorälen der Dorfbrunnenmänner. Am Kiefer des Priesters hängt schon Geifer, als er das Feinripphemd mit den Flecken zerreißt…Mir wird ganz anders. Unter dem Deckmantel einer bodenständigen deutschen Gastwirtschaft bebt hier also ein satanisches Umtreiben und ausgerechnet ich bin auf diesem ostdeutschen Epstein Island gelandet! Wie konnte das so lange unerkannt bleiben? Und das in der Lutherstadt Wittenberg! Aber vielleicht ist es ja kein Zufall, dass der Satanszirkel ausgerechnet hier in der LUTHERSTADT residiert, wenn nicht gar perfide Absicht? Mir dämmert, dass das eine Wechselwirkung sein muss, denn andersherum hätte diese Tarnung ja auch ihren Nutzen. Wer eine Eigenschaft im Übermaß betont, ist ihrer am wenigsten habhaft. Vielleicht braucht die Stadt Wittenberg ja diesen mühseligen lutherischen Zusatz, um ihre düstere und teuflische Energie zu übertünchen, welche hier im Dorfbrunnen ihr Nest hat. Und der Antichrist kann sich unter dem protzigen Schild des altdeutschen Protestantismus verstecken, denke ich mir voll grausamer Erkenntnis. Der Himmel verdüstert sich über der Lutherstadt, als ich aus dem Innenhof zurück zu Benjamin stolpere. Er sitzt dort und ist mächtig blass geworden, Tausendmeilenblick in den Augen. Die Herzchentasse ist nur zur Hälfte ausgetrunken. „Gut, dass du wieder da bist“, flüstert er mir zu, „der Kellner stiert mich schon die ganze Zeit so durch die Scheibe an.“ Als ich hingucken will, faucht Benjamin panisch, „Nicht hinsehen…!“ Wir werfen hastig einen Fuffzger hin, auch wenn das vermutlich viel zu viel ist, doch kein Preis ist uns zu hoch, um nicht nochmal mit dem Lutherwirt sprechen, ja, überhaupt interagieren zu müssen. Im Zug sehe ich noch der Lutherstadt hinterher. Diese Stadt lebt also vom Schatten einer Zeit, deren Zahnräder so rostig sind wie die Nägel, mit denen einst der Urprotestant seine Schrift ans Kirchtor schlug. Ich bin seitdem nicht mehr in der Lutherstadt gewesen.

ASTER

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