„Jene Nicht-Unsrigen sind mal „die schweigende Mehrheit“, dann wieder die „Schlafschafe“, deren beharrlicher Trott die große Wende verhindert.„
Ein Gespenst geht um in rechten Kreisen, das Gespenst des Normies, umworben, umschwärmt und bitter verachtet, als Nichtspielercharakter in die Bedeutungslosigkeit gememet – so weilt er mitten unter uns: der Normie, der normale Mensch, der nicht-Rechte.
Ursprünglich war`s ein mehrteiliger Zwitscherer auf der Plattform X, wo ich mich spontan bestürzte über die völlige Entfremdung mancher Rechter von den geheimnisvollen Anderen, die an allem Schuld und zugleich Ziel und Zweck all unserer Bestrebungen sind. Der Zwitscherer wird an dieser Stelle zum Lesestück, denn das Thema „Normies“, so wenig wir drum wissen wollen, ist entscheidend, bleibt eine Wunde, eine schmerzende Frage.
Jene Nicht-Unsrigen sind mal „die schweigende Mehrheit“, dann wieder die „Schlafschafe“, deren beharrlicher Trott die große Wende verhindert. Gern auch beides zugleich, denn wenn der Wind sich dreht, werden aus den blökenden Wollknäueln wütende Widder, ganz gewiss und dieses mal bestimmt.
Besonders delikat: Die schärfsten Kritiker der Elche/ waren früher selber welche. (F. W. Bernstein) – Und wie der trockene Alkoholiker mitunter am schärfsten auf den Trinker schießt, so ergeht sich der frischgebackene Rechte gern eifrig über die alte Hülle, die er jüngst erst abgestreift zu haben meint. Frei nach Marius Müller-Westernhagen: „Ich bin froh, dass ich kein Normie (mehr) bin!“ Nicht wenige von uns haben kaum noch Berührung mit „Normies“- verlockend, sich mit Seinesgleichen zu begnügen, wenn keine Kinder im Haus sind, wenn der Beruf es nicht erfordert. Die Familie ist oft die einzig verbliebene Gelegenheit, ausgiebiger mit „Normies“ zu interagieren – aber oft besteht wenig Kontakt.
Was bleibt? Behördengänge, Verkäufer im Geschäft, Ärzte, Sitznachbarn in der U-Bahn. Immer leichter, im Anderen nur noch den Verblendeten zu sehen, den Verhinderer des ersehnten Wandels. „Wenn die wüssten“ – ein alltäglicher Gedanke besonders für verborgene Dissidente, die wiederum stark eingebunden sind ins öffentliche Leben: Elternabende, soziale Berufe, Kundenkontakte: Äußerlich bringen wir uns ein, sind ehrgeizig, mitfühlend, engagiert, sprechen über Unpolitisches, über Persönliches, fassen Zuneigung zu Kollegen, Mit-Eltern, zu Kunden, Klienten, Patienten…mit der beklemmenden Gewissheit, dass viele dieser Menschen uns fallen ließen, sobald „es“ herauskäme, nur noch den „Rechten“ im pflichtbewussten Stiefvater und Jugendamtsmitarbeiter sehen würden, in der liebevollen Kindergärtnerin, der Lieblingskollegin. Wie verlockend, der Entmenschlichung zuvorzukommen: Sind ja eh nur Normies, betrachten wir sie als Kulisse, als Charaktermasken, denn sind sie nicht unmündige Sprechpuppen, die uns verraten und verkaufen würden, wenn es einmal darauf ankäme? Der Weg zur pathologischen Überzeichnung ist dann nicht weit, doch führt er ins Nirgendwo, denn wir haben nur dieses eine Volk.
Sprechen wir über Normies: Die junge Lehrerin, die gerade ihr zweites Kind bekommen hat, eine völlig unpolitische, fröhliche Frau und liebevolle Mutter, die sich außerdem um ihren schwerkranken Vater kümmert: ein Schlafschaf!
Der alte Herr, ein Kriegskind, der über ein soziales Nachbarschaftsnetzwerk unermüdlich bei Reparaturen hilft, ein etwas eigenbrötlerischer „schräger Vogel“ mit einem großen Herzen: wählt seit sechzig Jahren SPD, ein hoffnungsloser Fall? Die stark übergewichtige junge Sozialarbeiterin, die weit über das normale Maß hinaus für jedes Kind und jede ihr anvertraute Familie kämpft, Überstunden schon lange nicht mehr zählt. Der es immer wieder gelingt, dass Kinder nicht den selbstzerstörerischen Weg ihrer Eltern gehen: eine Normietrulla? Der vierfache Familienvater Ende 30, ein naiver, von Pop- und Netzkultur weit entfernter, fleißiger Mann, ein Leben wie im Hamsterrad, trotz Vollzeitjob und schwerbehindertem Sohn engagiert im Schulvorstand und immer zugewandt: Typisch NPC? Die 87Jährige, die täglich in ihrem Schrebergarten ackert und einer Nachbarin regelmäßig Apfelmus und Marmelade schenkt, zu ihrem Unglück kinderlos geblieben: Normie-Oma und obendrein schuld an der miesen Demografie?
Wenn die Anderen nur seelenlose, eindimensionale Fratzen für uns sind, wozu soll die ethnokulturelle Identität der europäischen Völker dann erhalten werden? Wir müssen sie als Mitmenschen sehen, als je für sich Einzelne und zugleich als Träger des jahrtausendealten Erbes, das uns verbindet. Wir haben ein gemeinsames Schicksal, oder keines.






