Für ein neues Projekt einen Text zu schreiben, ist immer etwas Besonderes und seit man mich dazu einlud, entfaltete sich beim ersten Blick hinter die Kulissen sofort das elektrisierende Gefühl; eine neue Idee, ein neuer Stil – das ist Leben, hier gibt es etwas zu entdecken. Dabei spielt es keine Rolle, ob man vorher keinen oder schon hunderte Texte für andere Projekte geschrieben hat. Man überlegt: Wen will man erreichen, wenn überhaupt? Welche Kreise kann so ein Text ziehen und wie viel gibt man von sich selbst preis? Das sind Fragen, die sich im Vorfeld kaum restlos klären lassen, denn ihre Antworten liegen zum Teil jenseits der Lebensdauer des geschriebenen Wortes. Die eigenen Gedanken niederzuschreiben und ihnen damit Raum zu geben, ist ein Luxus, den sich nur wenige leisten können und noch weniger, die es könnten, tun es. Die Gründe dafür sind vielfältig, sie können gut oder schlecht sein und müssen weder verstanden noch geteilt werden. Und auch wenn es viele Möglichkeiten gibt, den innersten Regungen des Herzens Ausdruck zu verleihen oder Erlebtes zu reflektieren, so ist doch keine so absolut wie das geschriebene Wort. Sein Leben kann nur wenige Minuten auf einer Social-Media-Startseite dauern oder hunderte bis tausende Jahre und damit quasi unsterblich werden. Spätestens mit den Fortschritten der künstlichen Intelligenz ist die Vorstellung, die Aneinanderreihung von Zeichen und Wörtern zu einem kohärenten Text sei ein Beweis für das Leben selbst, zumindest im Sinne des Lebens in Gemeinschaften, wie wir Menschen es verstehen, überholt. Das geschriebene Wort bleibt also in den Händen derer, die es sich zuvor ausgedacht haben – zumindest vorerst.
Dagegen stehen auch in den Bereichen der bildenden Kunst und der Musik die Algorithmen dem menschlichen Genius gegenüber und gewinnen zunehmend an Popularität. Stehen wir vor der nächsten Etappe des westlichen Kulturverfalls? – nicht zwangsläufig. Vielmehr schlägt die künstliche Intelligenz neue Pfade in den Dschungel der Kreativität, auf welchen Laien wie „Berufskünstler“ sich ihren Weg bahnen können. Denn auch in der Erstellung der Arbeitsanweisungen für den Algorithmus, den sogenannten Prompts steckt eine gewisse Leistung, von der ständigen Verbesserung der Software ganz zu schweigen. Damit ist die KI wie der Buchdruck, sie eröffnet nicht weniger Menschen die Teilhabe an der Kultur, sondern mehr; die explosionsartige Entwicklung und Verzweigung der zahllosen Anbieter und Hilfsmittel ist das beste Beispiel für diese neuartige Kulturbewegung. Und ist nicht jeder Text, jedes Bild und jedes Lied am Ende künstlich erzeugt, greift man nicht in beinahe allen Fällen auf Hilfsmittel zurück, die nicht dem eigenen Geist entsprungen sind? Entgegen den Annahmen vieler Zeitgenossen ist nicht alles Neue schlecht, sondern zuallererst ein Ausdruck des Lebens, das mit aller Kraft auf die Bühne der Geschichte drängt.
Projekte wie die ASTER sind Zeichen von ähnlicher Lebenskraft. Jemand bricht aus der zutiefst modernen Rolle des passiven (Medien-)Konsumenten aus, präsentiert die eigenen Ideen und wird dafür entweder gelobt, angefeindet oder verspottet. Gleichzeitig setzt die ständige Arbeit aber auch eine gewisse innere Härte, beziehungsweise eine geistige Geradlinigkeit voraus, um sich nicht völlig ungerüstet auch solchen Dingen hinzugeben. Das Vorrecht des Neuen ist, keine Rücksicht auf das Gewesene nehmen zu müssen, auch wenn es gut daran tut, seine Wurzeln nicht zu vergessen. Der Kampf um die Kultur ist kein Automatismus und kein Selbstzweck, für ihn muss sich bewusst entschieden werden; er ist die logische Ergänzung im Ringen um Köpfe, Straßen und Parlamente. Denn auch wenn dem Künstler der Zauber der Kreativität und nicht selten eine gehörige Portion Talent innewohnen muss, so ist er eben nicht Prophet seiner Muse, sondern vielmehr Handwerker und so wie ein Maurer Steine für ein Gefängnis oder einen Dom setzen kann, so kann der Künstler seine Schaffenskraft einem Ziel verschreiben.
Das Ziel der ASTER wird in ihrer Selbstbeschreibung offenkundig: Texte für Deutschland. Die geneigte Leserschaft täte gut daran, dieses Bekenntnis nicht nur für eine Floskel zu halten. In seiner zeitlosen Kunstgeschichte Könner, Künstler, Scharlatane fasst Richard Eichler den Auftrag der Kunst zusammen: „Echte Kunst macht die Ängste und Sehnsüchte der Menschen ihrer Zeit sichtbar. Sie wird so zu einem Symptom in dem Sinne, dass sie Zustände offenlegt und damit kommende Entwicklungen anzuzeigen vermag“. In einer Zeit der bislang ungekannten Antinationalität, Selbstverachtung und Entwurzelung ist die Kehrtwende hin zur eigenen Wiege nur eine Seite der Medaille. Eine junge Rechte muss sich auch für eine Kultur des Lebens entscheiden, die nicht an Kitsch und biedermeiernden Nostalgie verklebt. Für sie müssen die Worte Josef Buchhorns gelten, die sich in seinem berühmten Studentenlied Student sein bis heute erhalten haben: „Und jung und trotzdem bei den Jungen, dann war es recht, dann stirbst du nie!“ Möge die Aster also blühen, möge sie in Zukunft bei ihren Lesern diese Lebenskraft wecken und mit ihren Texten den Funken entzünden, den die Jugend in ihren Herzen benötigt!






