Schizoid Man von Sebastian Schwaerzel

Ein prägendes Grundprinzip der männlichen Jugend ist die Suche nach Möglichkeiten der Grenzüberschreitung. Als junger Mann will man das, was alle Männer vorher wollten: Sich in den Rausch begeben, körperliche und geistige Selbststörungen erleben, ausloten, wie weit man selbst zu gehen bereit ist.

Kühnheit und Heroisierung gehen mit dem Wunsch einher, die Formen der aktuellen Zeit zu meistern. Die Stählung im Fitness-Studio oder die Selbstpräsentation in den sozialen Netzwerken. Mit dem Mannwerden wächst der Bedarf an Vorbildern. Welche findet der junge Mann heute vor? Welche Tempel sind erreichbar, in denen selbstsichere Tritte hallen? Im antiken Griechenland brachte der intellektuelle Wettstreit des Agon Ruhm ein, heute misst man sich an steigenden Followerzahlen, sprich: Aufmerksamkeitsgewinne auf den sozialen Plattformen. Anerkennung wird heute vor allem im hyperindividuellen digitalen Raum erworben, zumindest wird dadurch der Anschein der Steigerung des eigenen Marktwertes erweckt. Wer dieses materiell-oberflächliche Prinzip hinterfragt und durchschaut, kann jedoch genauso gut von einer Depression erfasst werden, die angesichts der vorherrschenden Sachzwänge sich mit einem zur Schau gestellten Hedonismus verbindet. Hier kommt einem sofort Depressiver Hedonismus von Lorenz Bien (Reihe kaplaken aus dem Hause Antaios) in den Sinn. Pathologisch und gefährlich, zuvörderst für die verachtete Massengesellschaft, für die Normies, die ein in den Augen des depressiven Hedonisten ein falsches, weil gewöhnliches Leben führen. Und ebenso für den Erkrankten selbst: Seine Abscheu vor der Gesellschaft ist vor allem auch jene vor sich selbst und damit vor dem eigenen Körper.

Der Protagonist des vorliegenden Romans Schizoid Man aus dem Castrum Verlag ist ein lupenreiner Hedonist, ein Bodybuilder, ein Narziß – geradezu gefühlskalt, als er einen Autounfall fahrlässig verursacht, dabei eine Frau ums Leben kommt, er jedoch für sie nur ein herzloses „oh“ übrighat und seine Gedanken einzig um den Zeitverlust kreisen, der durch diesen Vorgang nun entsteht. Ihn nerven geradewegs alle normalen Dinge. Das passt durchaus zum Typus eines römischen Feldherrn wie Germanicus, welcher auf dem Buchcover prangt. Als Vertreter der Generation Z legt der Protagonist nicht nur Wert auf sein Äußeres, auf seine Muskeln, den Aufbau seiner Muskeln und den Glanz des obersten Muskels beim Anspannen seines Armes. Bodybuilder sein bedeutet eben, einen Idealzustand an Äußerlichkeit erreichen zu wollen und – jetzt kommt die Spätmoderne ins Spiel: Diesen Prozess auf Instagram zu dokumentieren. Er leidet wie jeder andere auch an den typischen Krankheiten der heutigen Zeit, vergleicht sich ständig mit seinen Mitmenschen, mustert sie. Immer entdeckt er etwas an ihnen, das er als schöner und gelungener empfindet. Immer irgendwas, das ihn kränkt, das die Ablehnung des eigenen Ichs nährt. Wie es sich für einen Narziß gehört – zum antiken Schönheitsideal gehört wohl der entsprechende Mythos – ist er Opfer einer Täuschung. Das angestrebte Bild eines idealen Selbst ist im Grunde begrenzt erreichbar und mit fortschreitenden Grade an Enttäuschung und Verlorenheit manifestiert sich allmählich der Wunsch, sich selbst zu verletzen und letztlich: zu töten. Sich per Explosion in die Luft zu sprengen, dies plant er, wie es sich heute gehört – vor laufender Kamera, vor aller Augen und am liebsten per Livestream. Der Tod wird zum Ritual, er rechnet mit Nachruhm und Ikonisierung. Zum Ende des Buches hin wirkt die Figur immer nervöser, die Tat als solches vollzieht sich schließlich fast nebenher und dabei äußerst dilettantisch. Er sprengt, aber er stirbt nicht und es passiert auch nicht live. Er wacht auf mit nur noch zwei Fingern und unter den Augen eines Arztes, der ihn müde bemitleidet. Begleitet wird der Hauptstrang von der Beziehung zu einer Frau, mit der er eine makabre, gewaltvolle Gemeinschaft eingeht. Sie besorgt ihm Steroide, er zieht bei ihr ein, sie verschwindet wenig später und er lebt dort fortan in einer Art morbider WG-Situation. Ständig findet er sich wieder als Gefesselter oder Ausgelieferter. Die Szenen sind durchzogen von Sadismus und erinnern an Sequenzen aus Psycho-Thrillern, wobei nicht ins Detail gegangen wird und dem Ganzen keine allzu großer Einfluss zugemessen wird.

Das Portrait eines kranken, jungen Mannes erscheint beim Lesen fast wie eine coole Geschichte über einen Kumpel, der ein bisschen verrückt ist, pumpen geht und sich sonst mit den gleichen zeittypischen Problemen herumzuschlagen hat wie man selbst. Der Autor fasst seinen Text in kurze Sätze, alles andere wäre diesem rasanten Werk nicht angebracht. Der Grundmelodie entsprechend preschen Zwei-Wort-Sätze vor, Gedankefetzen gleich, es liest sich flott, vibrierend, schnörkellos. Eventuell erkennt sich der ein oder andere in ähnlicher Lage und fühlt sich ertappt, wenn er mitten in alltäglichen Gesprächen plötzlich in dunkle Gedankenwelten abtaucht. Bei wem die Erzählungen der Gesellschaft des Spektakels nicht mehr als ein Schulterzucken verursacht, der kann vielleicht Verständnis empfinden für den Wunsch, alles in einer gewaltigen Explosion enden zu lassen. Der Mensch ist nun einmal zunächst dem Griff der Götter unterstellt. Erst das soziale Umfeld formt ihn zum Staatsbürger und zu jenem vereinsamten Gewöhnlichen, den der Protagonist zutiefst verachtet. Das Älterwerden bringt es mit sich, dass man sich weg von den Strömen und Gewalten der Natur und hin zu den zivilisatorischen Zusammenhängen entwickelt. Man kann sich dem nur entziehen als Außenseiter: Im Zimmer der Hauptfigur hängt ein Mishima-Poster, er kennt Ted Kaczynskis Manifest. Klare Botschaft: Bloß nicht gewöhnlich werden. Der Schizoid Man ist ein höchst ambivalentes Werk zwischen Selbsterkenntnis und Selbstzerstörung. Nur der eigene Tod, das eigene Ende als Kür und Spektakel bleibt aus, er selbst ist nun auch äußerlich zerrissen, dennoch es am Ende heißt: „Das ist nicht das Ende.“ Die Gefahr besteht an solchen Punkten immer darin, eine Art rührselige Wendung hinzulegen in der Form, bei der die Hauptfigur als geläuterter oder geheilter Charakter die Story als Happy Ending abschließt. Davon bleibt der Leser glücklicherweise verschont, der Schizoid Man träumt auch als Invalide noch von der inszenierten Zerstörung. 

Das Buch hat Kultpotenzial und erinnert vom Stoff her an Filme wie American Psycho, Falling Down, Taxi Driver oder Bücher wie Schlund von Till Röcke. Das Genre der nihil prosa wird immer wieder auf der ASTER zu besprechen sein. Also: Die Leseempfehlung sei demjenigen ausgesprochen, der abseitige und nonkonforme Geschichten liebt und der etwas über die männliche Kultur dieser Generation erfahren will.

ASTER

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