Im Literaturhaus – Tage später

Erster Akt: wir fahren Straßenbahn. „Bist doch pünktlich angekommen, ja?“ „-ja, hat alles geklappt.“ „Na, mal sehen, was uns heute da erwartet.“ Der durchdringende Blick meines Begleiters richtet sich auf die Außenwelt. „Ich wusste gar nicht, dass es hier so schöne Architektur gibt“, kommentiere ich. In dieser Ecke der Stadt bin ich tatsächlich noch nie gewesen.

Zweiter Akt: Wir kommen an, unsere Crew ist schon drinnen. Ein Ticket regulär, eins Studentenrabatt. An der Wand hängen Bilder, wohl als Dauerexponate; hinter dem Podest das eines nackten Männeroberkörpers. Später, während des Gesprächs fragte ich mich die ganze Zeit, wie es wohl gewirkt hätte, hätte dort stattdessen ein kitschiges Haus, eine nackte Frau oder einfach überhaupt gar nichts gehangen.

Dritter Akt: die Beteiligten stellen sich vor und bitten, dass keine Audio- oder Videoaufnahmen gemacht werden. Von Erzählungen war nie die Rede, dennoch fühle ich mich ein wenig schuldig, das hier zu schreiben; daher der Verfremdungeffekt à la des bösen Menschen von Sezuan. Also, meine Damen und Herren, „Soweit ich weiß, gibt es dieser Stadt keinen rechten Lesekreis.“ Wir schauen uns an und müssen unser Lachen unterdrücken. Sollten wir uns melden und es ihnen sagen, sie gar einladen zur nächsten Besprechung von Jünger oder Benn…? Unter anderem geht es um Götz und Ellen und die fünf Säulen der Strategie aus Sellners „Regime Change von rechts“, aber Hauptsache keine Werbung für dieses Buch oder sämtliche Akteure machen. Nicht mal unabsichtlich. Schonmal was von Kontaktschuld gehört? Immerhin weiß ich nun, dass Uwe Tellkamps „Eisvogel“ als gute Einstiegslektüre in die gehobene rechte Szene gehandelt wird, während die Leute aus diesem Podcast „Von rechts gelesen“ über die anderen Werke Tellkamps nichts wüssten. Nach Gutdünken unseres Literaturkritikers ist der Typ sowieso lost, aber Simon und Botho Strauss, die sind okay, die kann man noch retten. Weiter im Text. Es gab da mal ein Gedicht von Ulrich Schacht namens „Utøya oder die Toteninsel“ aus der Perspektive von Andreas Breivik in der Zeitschrift Tumult. Wie kann man sowas schreiben und dann auch noch veröffentlichen, ja, wie kann man nur? Am Ende scheinen sie es gar ernst zu meinen mit der Meinungsfreiheit. Nabokovs Lolita oder explizite Szenen aus der Blechtrommel waren ein Dreck dagegen, und überhaupt sind diese Leute ja nicht fähig, etwas gelesenes für sich selbst einzusortieren. Sie lesen das und planen sogleich den nächsten Amoklauf, deswegen ist das gefährlich. Das muss man einordnen. Und nun bitte 63,50€ an Fördergeldern auf mein Konto in der Schweiz.

Vierter Akt: niemals vergessen. Der Teufel von der Wand ist real geworden. Er weilt nun unter uns, kultiviert an Gestalt, stilisiert sich selbst in der Opferrolle – völlig unnötig, selbst schuld, wenn man auch seine Meinung sagen muss; er wusste ja, worauf er sich einlässt, wenn er den Mund aufmacht und rechte Positionen herauskommen. Vermutlich ist der größte Fehler, den sie begehen könnten und eben nicht begehen, diese Gestalten, die unter uns wandeln, unser Aussehen und unsere Haut haben, für zurückgeblieben, gar harmlos zu halten. Nie wieder ist jetzt. Auch wenn sie vielleicht menschlich aussehen, sind das nicht nur Aliens, sondern auch noch gesicherte Rechtsextreme. (Und leider Gottes ist auf ihren gottlosen Stickern unter anderem auch Rilke abgebildet, mein kostbarer Rilke, an dem sie sich vergriffen haben, besudelt und beschmutzt-)Screenshot 2024 06 20 112333 - Im Literaturhaus - Tage später

Da hakt sich ein gewitzter Zuhörer ein und fragt, wie das denn mit den Frauenrollen in der rechten Literaturlandschaft aussehe, sie seie ja doch sehr männlich dominiert; woraufhin die Dame auf dem Podest nach einigem Überlegen zum dem Schluss kommt, dass ja noch Pettibone und Kositza existierten. Schon lustig, wie sie methodisch äußerst sorgfältig vorgehend nach der Schnittstelle zwischen Frau und rechter Literatur suchen, währenddessen wir uns fragen, wie man Huxley feministisch lesen könnte, währenddessen die sich fragen, wie wir möglicherweise ihren Brecht rezipieren, ihren teuren, geschätzten Brecht, oder Hannah Arendt, oder gar noch Adorno. Gott bewahre, auf welche Ideen wir als nächstes kommen werden – Marx von rechts kann man sich schenken, aber Stokowski oder Jaeggi hat meines Wissens nach noch niemand probiert.

Und so entspinnt sich das Gespräch, dort draußen, hier drinnen, aus deren Mündern, in unseren Köpfen, bis die Zeit herum ist und alle nach Hause gehen müssen, falls sie sich nicht mit dem übriggebliebenen Sekt besaufen und anschließend unter dem wachsamen Auge homoerotischer Hintergrundbilder auf dem Parkettboden übernachten wollten. In unserem Fall ist das leider keine Option und so treten wir zum fünften Akt nach draußen zur Nachbesprechung des Erlebten im inneren Kreis.

Da wäre zum Beispiel ein jüngerer Referent, bei dem wir uns überlegen, ob er wohl nachts wach liegt und sich denkt: „eigentlich haben die Rechten doch ja recht, aber das darf ich nicht sagen“. Ich würde Wetten abschließen, dass er in drei Jahren entweder zähneknirschend AfD wählt oder fortan durch auseinanderreißende Selbstverleugnung psychische Probleme bekommt. Wir kichern. Resümee meines Begleiters: nichts Neues im Osten, genau das Gleiche wie vor 10 Jahren. Resümee meinerseits: schon recht interessant, wenn man sich einen ersten Überblick verschaffen möchte. Das hohe wissenschaftliche Niveau muss man ihnen lassen, auch wenn ihnen das von Anfang an auch niemand wirklich streitig machen wollte. Die Akteure wirkten durchaus informiert, wenngleich – naja, kein wenngleich. Haben sie schon gut gemacht, dafür, dass sie den Gegenstand zwar inhaltlich nicht loben durften, deren Faszination, ja sogar heimliche Sympathie für das Verbotene an einigen Stellen durchschimmerte. Dass Kubitschek durchaus ambivalent in seinem Schreiben agiere, seie „sympathisch an der Stelle“, so Forschungsprofessor Hoffmann.

Schlusswort. Ob ich wohl noch zu weiteren solcher Veranstaltungen hingehen möchte? Ja, wenn ich eingeladen werde auf die Bühne vielleicht. Nicht, dass ich das nächste Mal wieder auf meinem Plebs-Platz im Publikum anfange, aus Versehen zu lachen, sichtbar mit den Augen zu rollen, laute Zwischenkommentare reinzurufen oder dasselbe zu denken wie –

ASTER

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