Die Romantiker hoben den Schatz des Unbewussten. Sie widmeten dem Gefühl der Sehnsucht eine ganze Literatur. Ihr Kern: ein dunkles Glühen, die Sehnsucht, ein urdeutscher und nur unzureichend übersetzbarer Begriff. Die Romantik und das Romantische lassen sich, von der englischen Literatur herkommend, als europäische Strömung fassen, in Deutschland dann bewegte sie sich nach außen, goss sich in Formen, Lebenskultur und Figuren, in Biografien, Philosophie und Politik. Sie war eine Fronde gegen die Großwetterlage einer ansetzenden industriellen Moderne, eine Opposition gegen die Französelei, eine gegenrevolutionäre, antibonapartistische Strömung.

Als Oppositionelle entdeckten die Schwärmer und Naturforscher ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts das Unbewusste – lange Zeit vor Freud und wenige Jahrzehnte vor der sozialen Frage im Zuge der Entfaltung der Industriemoderne, die ansetzte, alles Lebendige auszuwalzen und in gleiche Formen zu stechen, als eine Art vermeintliches Perpetuum mobile, so Novalis in seinen Ausführungen zu „Christenheit oder Europa“. Das Wirken der Romantiker galt einem poetischen Weltverständnis, ein Sehnen in nächtlicher Ferne nach innen, nach außen nach einer organisch gewachsenen Ordnung.

Goethe nannte die Romantik das Kranke gegenüber einer gesunden Klassik. Wohl war ihm die Romantik eine jugendliche unhegelische Mobilisierung ohne neue Formen, die die klassischen hätten ablösen können. Für ihn kamen die Nachteulen nicht zum Punkt. Ein Aufbäumen partikularer Ideen gegen etwas Universalistisches, auch: die ersten Umweltschützer und Naturaktivisten. Unterm Strich blieb Goethe der Alleinherrscher in seinem Fort, der Klassik, die Romantiker zerstreuten sich schließlich von selbst. Sie waren ein prickelndes Phänomen, ein Kreis, der eine Idee hatte, den aber die Periode in ihrem gewaltigen Fortschritt verschlang. Und dennoch taucht das Romantische als Temperament, Bewegung und Ästhetik immer wieder auf oder: schwingt dies alles Unvernünftige, Irrationale und Sehnsüchtige immer mit, ist die Nacht doch Gegenwelt zum Tag, ehe sich all dies Unbekanntheilige zu bündeln beginnt und als manifeste Figur zum Ausdruck gebracht wird. Waren die Revolutionäre der Achtundzechziger im zwanzigsten Jahrhundert stark romantisch und wurden dann „klassisch“ (oder satt und tonangebend oder hegemonial), so wird das Schwert mittlerweile von rechter Seite gereckt.

Analog zur Geschichte: Eine kommende romantische Bewegung steht vor der Aufgabe, die Ambivalenzen des Lebens zum universalen Prinzip zu erklären, statt eine neue Besonderheit gegen eine andere auszuspielen. Die Besonderheit als Gestalt entspräche einer Vormacht auf Zeit, die sich nur solange behauptet, bis auch ihre Formen sich überlebt hätten und von einer neuen Strömung abgelöst würden.

Das ist die Aufgabe der Opposition, in romantischer Lage das „Klassischgewordene“, den umerzogenen und zur morbiden Farce verkommenen Geist der Achtundsechziger politisch-kulturell abzuräumen. Die neue Romantik muss aber Besseres, Umfassenderes und Universelleres anbieten. Nur Gegen-Bewegung auf dem Rücken eines gestressten und depravierten Rumpfvolkes zu sein, aktiviert den Affekt und die Gewalt. Nicht dass Gewalt je zu vermeiden wäre, jede Politische Herrschaft, auch die beste „liberale Demokratie“ gebraucht notwendigerweise in direkter oder indirekter Weise Gewalt, sonst gefährdet sie ihre Fortdauer.

Wer heute von fehlenden männlichen Perspektiven in der Literatur redet, gerade im Bezug auf die Jugend, muss konstatieren, das ein spezifisch deutscher Zweig so gut wie abgestorben scheint, wo er sich längst zu einem kräftigen Arm hätte auswachsen können. Wer dumm, bösartig oder gar beides in einem ist und im Duktus großgewordener kleiner Leute in den Redaktionen öffentlich-rechtlicher Medien reüssiert, der „weiß“, dass die Romantik der literarisch-kulturelle Vorbote der Barbarei ist. Diejenigen verlautbaren ebenso, dass die Kappung dieser Ader Teil des zwar erbärmlichen, aber hegemonialen Kulturverständnisses nach 1945 ist, die Romantik aber bei kluger Analyse das genaue das Gegenteil insinuierter Tendenzen und Programme (der „NS“ selbstverständlich, um den es unterm Strich immer geht) darstellt. Waren die Romantiker viel zu individualistisch und kosmopolitisch, ihr Volksbegriff ein letztes Leuchten vor dem Übergriff der totalen Gleichförmigkeit, als dass man sie zum Vorprogramm späterer totalitärer Systeme erklären könnte.

Man steht auch vor der Aufgabe, im Angesicht des Stimmungswandels im Westen (des „Vibeshift“, was auch immer das im einzelnen bedeutet), eine deutsch-europäische Epoche wiederzubeleben, an das Romantische als Charakter und Atmosphäre, als Sound, anzuknüpfen.

Die jüngere „Männerliteratur“ der letzten zehn Jahre nach dem brachte nicht unwesentliches hervor. Der melancholisch-konservative Roman von Maximilian Zech „Aus einer Zeit“ aus dem Jahr 2021 ist vergleichsweise unbekannt geblieben. Zu still und zu wenig zeitgeistig, um breitere Aufmerksamkeit in irgendwelchen Feuilletons zu erreichen. Die Hauptfigur ist ein junger Arzt, der gedankenversunken im Slowdivesound immer weiter nach Innen emigriert. Nach innen Romantiker, nach außen Preuße. Deutscher eben. Kein Insta, kein X, kein generiertes Publikum, welches sich empört und verzückt zugleich an einer möglichen konservativen Perspektive reibt. In einer von progressiven Elementen dominierten Gesellschaft hat sich dieser Blick und Zugang über die Empfindsamkeit nach wie vor Raum zu verschaffen. Aber auch hier: Es braucht eine breite Rezeption, die sich außerhalb der gängigen Besprechungskarusselle  befindet. Wie die Messe Seitenwechsel eine Anomalie im Kulturbetrieb darstellt, muss es weitere Gründungen geben, keine Ausweichquartiere, bis alles wieder „normal“ ist, wie es so manch harmoniebedürftiger Kommentator gerne sehen möchte. Es braucht eine gewisse Ab-Spaltung, aber nicht um des Spaltens willen, sondern um Neuland zu bestellen. Weitere Namen, die den romantischen Gegenwartsgeist atmen sind bekanntere: Strauß, Kaiser-Mühlecker und der größte unter allen jüngeren Wortmännern: Twardoch.

Womöglich ist das Gedicht die einzige gültige Form des Ausdrucks. Die Bewegung der Schwärmer, nach innen, zwischen den Welten, in die Zonen, in die nur wenig Licht fällt. Bitte keine weiteren Influencer mehr. Ein Jüngling wie Novalis, er wäre heute vielleicht Anti-Influencer-Influencer oder er besäße die Eleganz, außerhalb seiner Kunst zu schweigen. Der elitäre Jenenser Kreis bestand auch nicht aus Incels. Was wäre die Romantik ohne ihre Frauen gewesen. Diese dachten und publizierten (oft unter Pseudonym), waren mildtätig, waren mehr als die Groupies, als die sie Peter Hacks in seiner witzigen Abrechnung mit der Romantik bezeichnet.

Und heute? Die Dichterin verkörpert das Wort anders als der Dichter in seinem Schicksal von Macht und Krieg. Das Weibliche ist immer das Fruchttragende, die Verwandlung, die junge Mutter mit dem Kind auf dem Arm, wie sie in sämtlichen Kunstepochen vorkommt, die eigentliche Widerstandsfigur in unserer Zeit. Das Marienbildnis, die Madonne, von allen Seiten bedrängt, vor allem aber von solchen politischen Kräften, die den Menschen als Fläche ihrer Ideen betrachten und ungeniert missbrauchen wollen, am besten von Kindesbeinen an.

Mutter mit Kind -August von Kaulbach
Mutter mit Kind -August von Kaulbach

Der Zweck jedes Männerbundes ist letztendlich die notfalls gewaltsame Sicherung des Eigenen, die Frucht, der Raum zur Verschmelzung zwischen Mann und Frau. Wenn dies nicht mehr geschehen kann, nützt auch der schönste Geist und jede konservative Ästhetik nichts. Betrachtet man das, was unter dem weiten Begriff von „Rechts“ publiziert wird, zielt all dies Verfasste und Gesagte auf Erlangung und Verstetigung von Macht, Partei und Parlament. Es existiert eben doch eine alles Leben und Gestalten gewährende Vorebene: die weibliche. Wie wegweisend, dass gerade eine Frau vorbildlich zur Tat schritt und eine Messe wie in Halle initiiert, den Samen bereits in sich trug und wie leicht sah alles aus, wie sie ihn in der Erde versenkte. Und dass ihr Gegner ebenso eine Frau ist, zeigt, dass man dort bisher weiter war, aber man nun aufschließt. Man muss nichts Schlechtes loben, aber das Gute und Wesentliche gerade im gegnerischen Feld ebenso erkennen.

Charakteristisch für die Romantik ist das Fragment, in die sie die Reste der Jugend, die noch existenziell liest und lauscht, leiten will. Aber alles Lebendige ist immer fragmentarisch, im Fluss. Form ist etwas erstarrtes. Das Romantische stirbt, sobald es in Form gebracht wird. In dieser Flüchtigkeit liegt ihr Reiz. In den letzten Jahren zeigten politische Bewegungen eine typischen Verlauf: nach einem kräftigen Höhepunkt der Aufmerksamkeit flachten sie ab, wurden dogmatisch. Stets verlieren Bewegungen ihren Zauber, sobald Kräfte den Versuch unternehmen, sie in die herrschenden Systeme zu integrieren. Übrig bleiben jene, die sich arrangieren. Heute teilen „rechte“ und „linke“ Kollektive den Ansatz, aus einem Gefühl der Bedrängnis eine formulierte Besonderheit über das Allgemeine zu stellen. Die einen sehen den Migrant, die anderen das Klima als existenzielle Bedrohung.

Was gilt nun noch als gemeinsam wertvoll? Das Buch, die Literatur, die Kunst also, aber auch hier herrscht Kampf. Rechte, Konservative und Ausgesonderte veranstalten ihre eigenen Messen, die kulturellen Leitmilieus reagieren wiederum darauf, eine Stadt wird zum Panorama eines tieferliegenden Konflikts zwischen Politik und System. Natürlich betrachtet sich die systemische Welt nicht als solche, sondern ihrem ursprünglichen Habitus nach als nach wie vor zu emanzipierende Kraft. Sie ziehen ihre Kraft aus dem Erbe oder den Strukturen, die wirkmächtig ihr „Normal“ behaupten. Weil es ihre Gegner bisher versäumt haben, eigene Trägermilieus hervorzubringen, konnte die „demokratische“ Kulturszene ihre Vorherrschaft zementieren. Ihre stark entwickelte Revisionsunfähigkeit veranlasst nun zu höheren Aufwand, ihren zitternden Status quo als gültige Gegenwart zu verewigen. Umso heftiger ist die Reaktion der „Graswurzelbewegung“ WIR auf das Ärgernis einer Buchmesse, die sich außerhalb der eigenen ausdifferenzierten Herrschaftsbereiche vollzieht. Ein klarer Sieg des Privateigentums in der Hand freier Unternehmer über den Staat als Akteur – eine „rechte“ Messe hätte es unter öffentlicher Eigentümerschaft nicht gegeben. Die Praxis verantwortungsethischer Prinzipien, welche Innovation und Neugier zur Grundlage haben, lässt sich nur privatrechtlich ermöglichen.

Romantisch in dem Sinne hat nichts mit Cocacola-Trucks und eifrigen Valentinstagskitsch zu tun, das zählt alles zur modernen Pathologie, die auf die Ermöglichung eines Konsumniveaus angewiesen ist. Vielmehr ist die Romantik ein notwendiger Schritt zur Wiederaufnahme einer spezifisch deutschen Gefühlslage: die Sehnsucht, heute urbanisiert und digitalisiert, in einer Spätmoderne, in der sich der stark erhitzte Mensch seine Waldgänge und Naturbetrachtungen mühselig freischaufeln muss. Es geht heute um eine neue Faszination, weg von der Gleichförmigkeit, die jegliche Empfindsamkeit entweder vermarktet oder auslöscht, hin zur Kultur der Unterscheidbarkeit, der Besonderheiten, der einzelne, der als Persönlichkeit sich seine Umwelt bildet statt als „Mosaik vorgefertigter Stücke“ in einem standardisierten und zugleich fragmentierten post-menschlichen Raum seine Zeit bis zum Renteneintritt herumzukriegen.

Vielleicht ist eine Frühromantik bereits angebrochen, gerade jetzt, in unserer Zeit, die durch und durch rational ist. Wenig überraschend wächst die Opposition gegen die systemische Welt, in der einst Unbedeutendes urplötzlich bedeutsam und vormals Bedeutsames unbedeutend bzw. geächtet und bekämpft wird. Eine Welt, die den einzelnen unentrinnbar ergreift und welche mit Politik, Gestaltungswillen und Demokratie immer weniger zu tun hat. Bilden demokratische Institutionen wie die der Parteien, Parlamente und Politiker dabei scheinbar „nur noch den Scheitelkamm großer Wanderdünen, die von Elementarkräften bewegt werden“, so der Historiker Rolf Peter Sieferle in Finis Germania.

Dreißig Jahre später drängen Bilder aus den Untiefen meiner eigenen Erinnerung hervor: ich träume, wir träumen. Dieses eine Bild, beinahe eine Erscheinung, ein kurzer Augenblick bei Tag: I don‘t sleep, i just dream antwortet Rustin in breitem Südstaatenenglisch in True Detective auf die Frage Martins, ob er denn letzte Nacht geschlafen hätte. Rationalist „Marty“, der vernünftige und verständige Professional trifft auf die Welt des Träumers „Rust“, der die Welt durch das Dunkel einer als vor allem stofflich empfundenen Landschaft voller Residuen und Geister abschreitet. Das ruft Ablehnung, mindestens aber hochgezogene Augenbrauen bei seinem Gegenüber hervor, betrachtet „Marty“ sich selbst in seiner Nüchternheit als gültige Verkörperung des detectives: „Stop saying odd shit like: this town is in someones faded memory“ – Woody Harrelson als Marty und Matthew McConaughey als Rust, kongenial. Das Duo vermag der modernen Sehnsucht, die Welt in ihren Facetten und Grautöne zu wahrzunehmen, einen Raum zu geben, sie zunächst schlicht anzuerkennen. Vor allem aber angesichts des Siegeszugs der Nivellierung in seinem unvermeidlichen Fortschreiten und vermeintlichen „Erfolgen“, können wir die systemische Welt durch den romantischen Wesenzug anreichern, stören und umhüllen. Müssen es aber zulassen.

True Detective, HBO
True Detective, HBO

Wo sind die Vertreter jenes Sounds, die Innerstes bewegen, durch die schmale in fahlem Lichtspiel zuckende Pforte schreitend, die stets etwas Wisperndes in ihre Bilder legen? Ihre Blicke, so ernsthaft wie die Zeiten selbst, Nacktheit, also Existenz, Tod und Leben. Tiefe und Ansprache. Zu wissen, dass wir als Volk alt sind und nicht zufällig. Heimat, diese ferne, schwebende Insel. Ermöglichen wir, dass Schellings Satz wahr sein kann, dass alle Geburt eine Geburt aus dem Dunkel ans Licht ist. Gehen wir in diesen nachtblauen Traum und machen uns ihre subversive Natur wieder zu eigen. Oder wie lange soll diese ewig andauernde Gegenwart noch währen? Dieses sich immer weiter zu Tode reiten der immergleichen Bilder und Ausdrücke.

Hat die Moderne auch alle Winkel und den vornehmsten Schlag Mensch erfasst. Jede Rückkehr in die vollgestopfte Welt des Funktionalraums Stadt treibt mich fort von mir, dem nur Erahnten, dem Schmerz und Novalisschimmern, unerreichbar, schwärmerisch lebendig, todernst.

Instagram. Ich scrolle und scrolle, Schrott und Katzenvideos, dann: Barbour.  Seit 1894 durchgängig produzierend. Ode to Ayrshire heißt der Clip: der sattgrün-karge Landstrich als Sehnsuchtsort, britische Küste, anbrausendes Meer, urgewaltig wie ein Gebirge – kurze Szenen, junge Menschen, neugierige, offene Augen. Verwurzelt und verortet zu sein, in jenem verschwundenen Raum, den der Mensch seit seiner Sesshaftwerdung bewohnte und heute weitestgehend als Produkt und Ausdruck eines erlebnisorientierten Lifestyles oberer, kosmopolitischer Schichten vernutzt. Ein glaubhaftes Lebensgefühl als Kleidungsmarke, spricht die Werbung jene moderne Sehnsucht nach Entschleunigung und freier Atmung, nach Handfestigkeit und Wert an, etwas, das sich bemisst nach seiner Qualität. Man liefert sich den elementaren Kräften aus und die Jacke wird zum Harnisch in Sturm und Kampf und sieht auch noch gut aus. Modern Heritage – Verwindung von Heimat mit Stil.

Barbour ist Kleidung für verschwundene Wesen. Manche sagen schnöselig, ich sage für Romantiker, ohne es zu wissen und wahrscheinlich ohne es zu wollen. Natürlich ist Barbour eine Bobomarke, elitär, was nicht zu beanstanden ist, wenn was hinter der hübsch inszenierten Fassade steckt. Die Moderne hat nun einmal den international orientierten, egalitären Menschen hervorgebracht, das wird im Werbevideo deutlich, Tradition hin oder her. Besseres Marketing geht kaum, als die Sehnsuchtsmoderne in ein Kleidungsstück zu bannen. Man kann heute bereits dadurch am Aufstand des Lebens gegen die systemische Welt teilnehmen, indem man sich halbwegs stilvoll kleidet. Was wissen, was tun, was anziehen. Auch das ist Opposition.

Ode to Ayrshire, Barbour
Ode to Ayrshire, Barbour

Der versunkene Raum, das treibt meine Gedanken hin zu dem Filmepos IN DIE SONNE SCHAUEN von Mascha Schilinski, das hier sowohl in Textform als auch als ausführlich im Podcast Ins Offene besprochen wurde, kann der Zuschauer eine Expedition zu eben jenem vergangenen Menschenschlag und -raum unternehmen, einer nichtexistenten Welt. Innerhalb einer Spanne von hundert Jahren leben verschiedene Frauen mit ihren Familien auf dem Hof in der Altmark. Freilich, wir besprachen es, Nöte der Leute, speziell der Frau, sie sind wohl aus heutiger Sicht in der Epoche am größten, je früher sie lebten. War der anthropomorphe Raum, der Hof, die Landwirtschaft, auch ein patriarchales Phänomen, hatte dieser demütige Realismus doch eine zauberhafte Essenz. Der Glaube, der feste Ort, die Sitten, all dies stand der Moderne im Weg. So ein Hof ist heute ein Relikt oder Lifestyleprojekt von Milieus, die der Großstadt abhold geworden sind. Der Unterton oder einer der Untertöne – das Machwerk ist vielgestaltig – ist aber unterm Strich nicht durchgängig folgendes: Das böse Patriarchat muss fallen. So einfach macht man es sich dann auch wieder nicht.

Unter allen vier Epochen fesselte mich das Leben der bäuerlichen Großfamilie im Kaiserreich am meisten. Die Darsteller bzw. die Gesichter wurden exzellent ausgewählt! Man will den F i l m, das Lichtspiel, will es endlich wieder glaubhaft, einfach „gut gemacht“, will versinken können, will sich nicht belehren oder einspannen lassen. Und dann der Hof mit seinen Kontinuitäten, seinem mythischrealen Eigenleben, das sich auf magische Weise über alle Brüche hinweg als eine Art dunkler Seelenteppich in die Geschichte webt. Die Schlussszene der bäuerlichen Großfamilie ist eine, die nur in dieser Kultur inszeniert werden kann, in der jene alten und selbstverständlich immer schon so gelebten Völker ihre Pforten zum Jenseits noch nicht endgültig geschlossen haben. In allen anderen Epochen wäre diese Szene nicht denkbar gewesen. Dieses Übernatürliche, die unbeschreiblichen Zwischenreiche und rationalistische Spätmoderne schließen sich immer häufiger aus. Aber es ist wieder möglich, man muss nur neugierig bleiben.

images - Neuland

Und da stellte es sich wieder ein: dieses Gefühl, etwas Substanzielles verloren zu haben. Neben dem apollinischen, eher weiblich konnotierten Sinn für Ordnung existiert eben auch dieser Glaube an etwas jenseitiges, an einen Resonanzraum, titanisch, unkontrollierbar, fern. An das Blinzeln in den Augen der elementaren, barbarischen Kräfte und letztlich den Krieg als Vater aller Dinge. Als ob die Geschichte jemals Gnade mit den Schwachen gehabt hätte. Entstand nicht großartigste Kunst in den Zeiten des Konfliktes und höchster Bedrohung als Monumentales, Schönes und Meisterhaftes. Wie konnte es denn sein, dass ein Werner Tübke sich über die Vorgaben der SED-Partei hinwegsetzen konnte und in einem Zeitraum von grob zehn Jahren das großartigste Kunstwerk der letzten achtzig Jahre fertigte, wenn das System doch so diktatorisch agierte? War doch der Respekt vor dem Charisma des Meisters, vor dem Reich, das nur er selbst vertritt und aus diesem er strahlt, viel zu groß. Tübke nahm sich die Freiheit, die „Diktatur des Unrechts“ quatschte ihm nicht rein. „Lasst den mal machen.“

Werner Tübke
Werner Tübke

Unernst und Gegenstandslosigkeit wie Vulgarismen und infantile Weichheit sind dominant in der Popkultur, Literatur und bildenden Künsten. Die Neunziger hatten wohl als letztes Pop-Jahrzehnt Originalität und Mythos, danach mündete alles ein in den Bereich des Ungeilen und Jammernden. Wie fällt da die Musik des Duos Deutsche Vita auf fruchtbaren Boden. Ästhetisch postmodern, subkulturell und stilistisch retrospektiv sind ihre Lieder eine Reminiszenz an den Sound der Achtziger, der von elektronischen Instrumenten und verträumten Texten dominiert war. Von Lorenz Bien wurde dem Duo als erstes in der Jungen Freiheit ein Text gewidmet. Wie, wenn nicht im dionysisch kaltscheidenden D.A.F-Synthsturm muss dieser unbehaglich eingelullten Zeit begegnet werden. Deutsche Vita rettet damit ein paar Dinge als wenns hier was zu retten gäb, denn: ich brauch keine Freiheit, mir reicht die Illusion heißt es in Vater. Wenn die 80er musikalisch zurückkommen, dann als Lebensmagnetismus, den ganzen Raum der heutigen Seele ausschreitend. Bitte keine Sekunde länger dieses opportunistische Gewimmer politisch korrekter Statements irgendwelcher „Sternchen“. Pop, der an die Romantik als Temperament anknüpft und das Ganze auch noch in elektronische Klänge packt: Deutsch durch und durch. Beides wurzelt tief im Deutschen, im Genius in seinem Streben zwischen Philosophie, Wissenschaft und Technik. Keine weiteren Manifeste, auf die sich dann die Nattern der Rezeptionsmaschinerie stürzen, wir brauchen geile Filme und Musik, mildrauschende Sommerabende, schöne Augen und rotgeschminkte Lippen, wollen seltsam vertrautes Lächeln in magnetisch stolzer Blutmondnacht – das ist das einzig gültige Manifest, die Wahrheit, sie liegt in den Zwischentönen der Farben, in den Zwischenwelten, in den Übergängen, in der Ambivalenz. Sieger wird sein, wer die Differenzen erträgt, wer die Einheit in der Mannigfaltigkeit sucht.

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© Deutsche Vita – In Synthgewittern

Wo steht eigentlich der konservative Abenteurer? Die Träumer? Laut dem Sinusmodell, das auf dem Paradigma des Fortschritts beruht, existiert keine Verbindung zwischen den Milieus der Expeditiven oder Performer und den Traditionellen. Was ist also mit den kulturell weltoffenen Melancholikern? Dem reflexiven Träumer einer Sehnsuchtsmoderne, auch der Bobo zwischen Sylt und Zürichsee, Barbourjacke, Zigarettenrauch, Gläser, voll, halbvoll, verschüttet – das ist sein Herzschlag, ein dumpfer Takt im Überfluss. Christian Kracht zeigt ihn uns in Faserland: ein Geschöpf, das am Wohlstand teilnimmt und doch wie verhungert sich bewegt, ein Hirn, das in der Leere kreist. Die Generation X, die verlorene, die nach dem großen Knall der Geschichte in den Trümmern wühlt und nichts findet als glänzende Katerstimmung. Konsum als Motiv? Ja, aber ein müder, ein ironischer, ein Konsum, der die Seele nicht füllt, sondern sie aushöhlt wie ein Termitenbau.

Faserland war Gen X. Doch Gen Z und wir Millennials? Kann es den einen Roman geben, der nach dem Schönen, Unbenennbaren sinnt, der aber genauso prickelnd die Moden und Leidenschaften unserer Generation (90er Jahre Kindheit, hedonistische Jugend, Digitalisierung, Hyperpolitisierung und politischem Krisenstapel) exemplarisch beschreibt, zuspitzt und zersetzt? Die Zeiten sind wohl zu kompliziert, um sie auf den einen alles zerschmelzenden Punkt zu bringen. Es gibt aber unzählige Buchdeckel, die die Symptome, die unsere Zeit vergiften, bewirtschaften und ausschlachten. Zu viel Papier wird darauf verschwendet, um auszudrücken, dass man sich vor sich selbst, der Welt, der man angehört, fürchtet, dass man auf Nummer sicher gehen muss. Niemals glauben doch so viele Autoren an die faulen Zauber „unserer Demokratie“. Als ob irgendeine prickelnde Magie davon ausginge. Deshalb immer so dermaßen selbstreferenziell, so passiv-aggressiv, so verbissen gruppenidentitär. So deutsch im schlechtesten Sinne. Und: Wenn dieser Zyklus dann auch noch mit Preisen und mit Fördermitteln bedacht wird, setzt sich eine kranke Normalität in Gang, ein ganzes System breitet sich aus.

Literatur ist heute Widerstand, aber wer schreibt noch, selbst, drängend und wirklich außerhalb der staatlich geförderten und dadurch disziplinierenden Szenementalität. Die Angst wird bestens bespielt, kapitalisiert und wer will schon versagt haben, ungelesen bleiben oder ausgesondert werden, weil er sich doch traute und im Sinne eines „Betriebs“ (oder einer Szene) danebengriff. Es wären mit etwas mehr Mut auch wieder völlig andere Bilder, Stoffe und Motive drin. Richtige Literatur, heißes Zeug. Leid und Lust, sie muss demjenigen einen schönen Schauer über den Rücken jagen, der geradezu essentiell die Faszination für das Verbotene, Dunkelglühende und Verfemte, für alles Lebendige, sucht.

Altstadt Halles bei Mondschein von Fritz Müller (1985)
Altstadt Halles bei Mondschein von Fritz Müller (1985)

Das Romantische, das ist die Sache mit dem Mond, dem Traum, der Nacht, der Kehrseite, der oft verdrängten, mit dieser seltsamen deutschen Stimmung, dem, was nicht in Worte zu fassen ist, dem man sich nur nähern kann, wodurch man es doch nur vernichtet. Die deutschen Romantiker, sie waren gescheitert, zerstreuten sich ihre Wege spätestens nach der Niederlage Preußens und der Geheimrath war eher kein Fan. Aber so ist das mit der Romantik: Sie setzt eine Klassik voraus, gegen die sie opponieren und als neuer Glaube auftreten kann. In der fragmentierten Gesellschaft unserer Tage neben anderen zivilen Religionen und lächerlichen Partikularismen.

Kräfte, die noch formen wollen, dürfen keine Angst haben, sich vom Hergebrachten zu lösen, sofern das Neue umfassender sein soll. Freilich wird dann das Romantische erstickt, dann wird wieder der Geist politisiert sein, statt vom Geist in die Politik vorzustoßen.

Bis dahin: Heben wir den Schatz des Unbewussten.

ASTER

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