Neo Rauch und Rosa Loy: Unheilvoll geborgen

Backsteinrot mit großen Fenstern, teilweise unsaniert und manches Gebäude sieht ungenutzt aus, hier in der alten Baumwollspinnerei, der Spinne, wo bis zum Ende der DDR noch Frauen in Schürzen standen und Schichtbetrieb das Garn auf die Spindeln zogen, ehe alles anders kam und Künstler sich breitmachen konnten.

Ich stehe vor dem silbernen Schild am Eingang, im Gebäude links ist irgendwann mal ein Café eingezogen, daneben führt ein schmaler Weg an der Mauer entlang zu einem schönen Garten mit vielen Bäumen, dazwischen etliche Sitzgarnituren, eine Bar, Leute bestellen was zu essen oder trinken, es ist nicht übervoll, einige Gruppen, immer mindestens zu zweit. Hier könnte ich jetzt entspannt sitzen und mir zwei drei Gläser Weißen reinziehen und leicht angetrunken zum gleich stattfindenden Treffen aufkreuzen. Letztlich verzichte ich, weil ich später noch fahren muss. Ich bin ein vernünftiger Mensch und solche Menschen trinken nicht, ich zeige also auf die Flasche in dem Kühlschrank: Ostmost. Das Etikett der Flasche zeigt ein Einhorn mit Regenbogenmähne. Vor einiger Zeit hätte mich das tierisch aufgeregt, heute juckt mich das null, sekundär. Gleich werde ich vor den Bildern stehen, denke ich und es beruhigt mich der Gedanke, dass in fünfzig Jahren die Bilder immer noch geben wird, kunstbeflissene Spinner mit Designerbrille werden sie dann immer noch zu Mondpreisen hin und her schieben, aber die Pulle Saft wird längst anders heißen, vielleicht wird eine Deutschlandflagge auf ihr kleben oder auch nichts, vielleicht aber wird irgendein Konzern einfach die Marke kaufen und so lange auspressen, bis nichts mehr von ihr übrig sein wird wie eine Zitrone, wie Most eben. Aber heute, hier und jetzt trinke ich erstmal gesundes, vernünftiges Zeug, ein Getränk, das man sich auf WG-Partys reicht, während man den Kapitalismus kritisiert und wie ferngesteuert auf seinem Iphone herumtippt. Wie ich ansetze, riskiere ich einen Rundblick in die wild quatschende Szenerie, aber auf den ersten Blick glaube ich zu erkennen, dass mehr Wein als Bier getrunken wird. Ich könnte mich jetzt auch in Dresden befinden oder an guten Tagen sogar, in Halle, im Hof der Burgruine oder in der Residenz. Diese Gesellschaft könnte überall sitzen, herumquaken und Wein saufen und auch ich könnte überall sein und mich darüber freuen. Mein Haar schiebe ich gekonnt über die Seiten, die ich auf Null rasiert lasse und die schon auf Null standen, lange bevor es cool war, Seitenscheitel, New Balance, Fred Perry Polo, oberster Knopf geschlossen. In meinen braunen Brador-Sandalen hat sich seit einigen Minuten ein Stein zwischen die Sohle gelegt. Der Nachteil offener Schuhe, den ich gerne in Kauf nehme. Nun stehe ich also in Westen Leipzigs und trinke den Rest der Brühe auf ex. Beim Verlassen des Gartens stelle ich die leere Pulle auf den Holztresen, dabei nicke ich der Tresenkraft zu, wahrscheinlich Studenten, Schnauzer ist wohl wieder modern, überhaupt sehen die Jüngeren manchmal so aus wie Leute Anfang der Neunziger. Ich laufe auf das Gelände, rechts und links die backsteinroten Industriegebäude, teilweise durch geschlossene Brückengänge zwischen den Obergeschossen verbunden. Ich frage mich durch, Leute, die so aussehen, als ob sie hier öfter sind und sich auskennen würden.

Schließlich stehe ich kurze Zeit später vor der Halle, in der die Bilder von Neo Rauch hängen sollen. Die Mitarbeiterin neben der Tür grüßt, ich grüße freundlich zurück und betrete erst den größeren der beiden Räume, in dem die zweieinhalb mal drei Meter großen Werke hängen. Träumerische Farbpalette, überhaupt leuchten die Farben der Bilder sehr schön. Kurz bleibe ich vor einem der Malereien stehen, auf dem ein großes X von zwei männlichen Figuren in den Boden gestemmt wird. Der eine trägt einen napoleonischen Waffenrock, eine andere weibliche Figur hat sowas wie Schaffnerkellen in beiden Händen, am rechten Bildrand tragen zwei weibliche Figuren einen Harlekin, sie sind umhüllt von einem bläulich-rosafarbenen Licht. Drei Darstellungen in einem Bild, die wirken, als hätten sie im Grunde nichts miteinander zu tun. Eine Collage. Wie in einem Traum erkennt man, oder glaubt zu erkennen, der Film läuft ab und doch erkennt man nichts, aber ich kann kurz verweilen, kann die Szene lange betrachten, das ist anders als der Träumer, der irgendwann aufwacht und weiß, dass er zwar träumte, die entstandenen Bilder aber nicht mehr zu rekonstruieren vermag. Hier vor mir wurde einer dieser Träume auf Leinwand gebannt, unheilvoll im Ganzen, alle Gesichter abgewandt, dunkel, irgendwas wird verkündigt, irgendwas dräut heran. Ich gehe in den kleineren Raum, in dem eine Gruppe steht, die einer Frau zuhört. Die Dame ist schlank, weißhaarig, urban luftig gekleidet, und hat einen kleinen Hund an der Leine, den sie immer wieder an sich heranzieht. Sie redet kundig und hochdeutsch, ich glaube aber, dass sie Sächsin ist, dass durchaus ein Dialekt zart durchschimmert oder sie hat sich teilweise der Sprache angepasst. Unter den Hörern fällt mir ein Mann auf, der sehr bürgerlich-akademisch rüberkommt und seinen Kopf konzentriert in seine linke Hand legt, während der rechte Arm den linken stützt, außerdem komplett geöffnetes dunkelblaues Jackett, weinrote Chino, weißes Hemd und braune Lederschuhe. Ganz vorne hängt er, auch beim nächsten Bild, und weil er dort stehen muss, müssen die anderen Zuhörer ihre Köpfe an ihm vorbeistrecken. So wie ich die Szene beobachte, stelle ich fest, dass ich neben der Malerei auch äußerst gerne Menschen betrachte, die verschiedenen Typen und ihre Verhaltensweisen, einzeln und in Gruppen. Der Streber könnte eine Figur auf einem der Bilder sein. Stille Reserve heißt die Ausstellung von Rauch, für zwanzig Euro kann man den Katalog in Buchform mitnehmen. Nicht mal Bildbandgröße. Die Sammlung soll Situationen kurz vor der Ekstase und Entladung zeigen. Das erschließt sich mir allerdings nicht und verlasse die Ausstellung und plaziere mich gut sichtbar davor, um auf die anderen zu warten, die aus Berlin und Dresden anreisen.

Die Sonne brennt jetzt, ich warte auf die anderen. Woher kommt der Wunsch, gemeinsam in eine Ausstellung zu gehen, frage ich mich. Als ob man es nicht erträgt, allein zu sein, dem Werk ausgesetzt, ausgeliefert. Wie dem auch sei, vor mir erscheint es plötzlich porzellanweiß. Ob ich denn L. bin. Das Haar dunkelbraun, stilsicher und etwas streng nach hinten gesteckt, langes Sommerkleid, braune Tasche, passend zu ihren Halbschuhen. C. aus DD ist wie ich hier. Wegen L. von der JF und wegen Neo und Rosa, wegen den Bildern, die mich etwas ratlos aber nicht unbeeindruckt zurücklassen, wie der zarte Schatten, der soeben in den meinigen fällt. Wird dieser sonnenwarme Tag doch noch erträglich, doch noch ein Rausch. Eine Figur, denke ich mir später, entsprungen aus jenem Frauenensemble der Rosa Loy, die einige Meter weiter ausstellt. Verweile doch (du bist so schön), da drüben. Nachdem die anderen Teilnehmer, darunter L. und F. von der JF und aus Berlin, ankamen und wir gemeinsam durch die beiden Räume streiften, dabei die Wirkung der Bilder deutend, nahm man gemeinsam Platz im schönen Garten. Nachdem ich mir eine weitere Flasche Ostmost reingezogen und wir eine Weile über dies und jenes geredet haben, gehe ich mit C in die Ausstellung von Rosa Loy. Kleinerer Raum, dichter alles, mit Spuren zu den rauchschen Bühnenbildern, diese großartigen und undeutlich geträumten Bühnen, ein gewisser Schrecken haftet ihnen an, vorn die Zukunft, hinten die Vergangenheit. Wir schwadronieren, C regt ein Gespräch mit dem Galeristen an, der am Eingang sitzt. Was so ein Bild denn koste und warum Rauchs Bilder ein vielfaches davon erzielen. Die Preisgestaltung bei Kunst häng an vielen Faktoren und so weiter und so fort, Neue Leipziger Schule, der Loy und Rauch angehören und so weiter. Aha. Loy malt figurativ, im Mittelpunkt stehen weibliche Figuren und ihre Verrichtungen. Die Sicht ist romantisch, steht im Prospekt, dass laminiert ist, was anscheinend bedeuten soll, dass man es wohl nicht mitnehmen darf. Ich überlege kurz, ob ich es trotzdem mitnehme, lege es aber später brav zurück. In der Ausstellung von Neo Rauch lagen die Blätter überall rum. Das ist wohl der Unterschied.

Manche der Frauenfiguren sehen so aus, als kämen sie auch in den Bildern ihres Mannes vor. Die Szenen sind direkter, märchenhafter, erzieherischer, mütterlicher, alltäglicher. Der Blick wirkt wie ganz und gar in die Vergangenheit gerichtet, antiker, wie eine Beschreibung von Heiligen und Göttinnen. Die Baumwollspinnerei ist auch so ein weiblicher Ort. An den Gerätschaften arbeiteten vor allem Frauen. All das in den Raum gestellte kehrt beständig wieder, gilt immer, steht, anders als bei Rauch, in Beziehung zueinander. Ein Student der Bildhauerei meint, ihm fehle das Progressive. Auch das Wortergreifen sowie das Wort-an-sich-richten-lassen-und-reagieren der Künstler enttäusche ihn. Aus welchem Grund überhaupt sich äußern, das Werk erklären, sich quasi rechtfertigen, die Fragen der Journalisten beantworten, sich womöglich noch auf politische Diskussionen einlassen, womöglich abweichen vom kulturellen Mainstream. Wie will man als Künstler gesehen werden? Das ist wohl eine Generationenfrage, die Loys und Rauchs, die Generation ex-post-DDR. Durch die Erfahrungen der Zeit ungehemmter und auch fordernder, was das Wort betrifft. Man wolle doch als Künstler wahrgenommen werden und nur als solcher, ist sich der junge Mann da sicher. Aber ist es nicht vielmehr die Gespanntheit, in der die Dinge liegen, das Vergangene und das Künftige, die vermeintlichen Gegensätze. Wir, wer das auch immer ist oder sein kann oder könnte, wir sind verwurzelt in der Komposition Loy-Rauch, dabei einander blind und doch geborgen, sehr unheilvoll, das ist die Grundfigur unserer Epoche, unheilvoll geborgen. Für den einen ist die Frau, die immer auch Mutter ist, als Figur Zukunft genug, der andere setzt den Fuß seiner weiblichen Figur in modernes Schuhwerk, um die Moderne, das Kommende, zu symbolisieren. Zu finden ist der Harlekin, eine Figur des Überflusses, wird in kommende Zeiten getragen. In dieser Spannung, in den belebten Ruinen im Westen Leipzigs, mit Regenbogengetränk. Ist das hier, die Kunst, nicht die letzte Chance für irgendein Wir? Die wichtigste Aufgabe wird wohl sein, die Differenzen zu ertragen, auch weil es ein Wir nicht mehr geben wird und nicht geben kann, weil alle Wirs außerhalb der Familie, außerhalb der Mutter, außerhalb von Loy und Rauch, des Hauses, der Liebe, der Spannung, des Spiels, zum Scheitern verurteilt sind, weil die Mischwesen und Schlangen, die Rauch durch seine Finger zur Welt bringt, überall lungern und lauern.

Die erwähnte Eskalation, die an die geschauten Welten von Loys Darstellungen ausgebremst und zurückgeholt werden. Die Bildräume sind verwoben, das Eigene ist hier auch ein gemeinsamer Raum, ob man will oder nicht, man verschmilzt unvermeidlich nach so langer Zeit, die Ströme, die Augen, der Geruch, eröffnet Pforten und Gänge zum anderen, zu dessen höchst eigenen Raum und kann sich verbinden, kann harmonieren, sich abstoßen und auflösen. Ich überlege, noch zu bleiben und eine Weißweinschorle zu trinken, als Kompromiss sozusagen, ein bisschen quatschen mit den netten Redakteuren. Aber wenn ich ehrlich bin, ist Weißweinschorle unterstes Niveau, nichts Halbes und nichts Ganzes, Rumeierei, Bundesrepublik. Ostmost, das ist noch Überzeugtsein von der Sache, das hat Sinn, der Regenbogen, den es nicht bräuchte, hätte die Zeit einen Sinn, ist sinnvoll, denn das Einhorn unterscheidet, es trennt die Gläubigen von den Ungläubigen, es killt die Weißweinschorlisten guten Gewissens, die Kompromissbereiten, die Verräter, die schon halb im Bunde stehen mit dem Feind, die das alles frech aushalten können, weil sie von nichts voll überzeugt sind, nicht zu überzeugen sind. Das Einhorn hat seinen Schmitt gelesen. Das ist der Versuch unserer Epoche: Die Wiederaufnahme des Träumens im unheilvoll Geborgenen. Zur Kenntnis nehmen, dass es Überzeugte gibt, die ihr Reich aufrichten konnten, von dem dem sie aber nie Zugriff erhalten, auf den Traum, die Kunst, das leuchtende Marmor der Sockel, die Hand, von innerlichem Beben befruchtet und durchzuckt, handwerklich könnend, die Hand, die nur noch ausführt, die Leinwand, die nur noch gebärt, das Bild, das zur Welt kommt. Das ist die Bewegung. Partei und Politik sind ein Scheißdreck dagegen. Nicht noch mehr Überzeugung und Schicksalhaftigkeit ist einer schöpferischen Genese zuträglich, vor allem nicht in den Händen der Wohlmeinenden einer einzig wahren Weltanschauung, sondern was es braucht, ist eine gründliche Verachtung den Täuschern über die eigentlichen und ganz eigenen menschlichen Dinge und Werte gegenüber.

Harry Blume - Gruppenportrait Leipziger Künstler, 1961

ASTER

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