„Das Ressentiment ist die aus Angst vor der Zielverfehlung bewusst herbeigeführte Ladehemmung
eines Gewehrs, um dann zu behaupten, Gewalt sei keine Lösung.“
Wer als scharfsinnig, gar als psychologisch versiert gelten will, der wirft dem weltanschaulichen Gegner heute sein Ressentiment vor. Der AfD-Wähler ein ressentimentgeladener Trottel, der den Anschluss an die moderne Welt verpasst hat. Die post-menopausale linke Frau als ressentimentgetriebene Feministin, die die Männer hasst, weil sie keinen mehr abbekommt. Aus beiden politischen Lagern kommt der Vorwurf – und ja, ich sage hier bewusst aus „beiden“, und differenziere hier nicht weiter aus als zwischen den Identitären und den Humanitären – und in etwa bedeutet er dies: Da ist einer neidisch, weil er nicht bekommen hat, was er gern gehabt hätte, und darum macht er das zunächst Ersehnte jetzt schlecht. Und das ist auch ganz richtig, das ist mit Ressentiment gemeint. Es lohnt sich aber schon, das einmal aufzudröseln, wie es denn zustande kommt, dass das vormals Begehrte nun abgelehnt wird. Der Philosoph Max Scheler (1874 – 1928), jüdisch von Geburt, herkommend von der Kulturphilosophie und Phänomenologie, zeitweilig katholischer Konvertit, mehrfach verheiratet und in Skandale verwickelt, in seinen späten Jahren ein scharfer Liberalismus- und Pazifismuskritiker – dieser geistig weitgereiste Denker hat sich des Ressentiments angenommen und soll hier als Gewährsmann dienen.
Wer sich bereits mit dem Ressentiment befasst hat, der wird diese Denkfigur eher Friedrich Nietzsche (1844 – 1900) zurechnen. Herrlich und unerreicht, wie dieser das mit Moral süßlich verkleisterte Gift des Ressentiments gewittert und gehasst hat. Analysiert hat es dann aber Scheler: Er nennt das Ressentiment eine seelische Selbstvergiftung. Wodurch geschieht nun diese Vergiftung, und weshalb geschieht sie? Sich selbst zu vergiften wird ja nur einem einfallen, den die reine Substanz, das Unverfälschte, mehr schmerzt, als das Gift. Mancher kennt es, wenn er sich beim Zahnarzt selbst ins Bein kneift, während da herumgebohrt wird. Da wird ein Leid zugefügt, um das noch schlimmere Leid des Herumbohrens zu übertönen, es durch einen kontrollierbaren, verfügbaren Schmerz zu relativieren. Ist das beim Ressentiment auch so? Sehe ich etwa eine hübsche Frau, die schöner ist als ich, und beginne dann, mein Gesicht operativ umzugestalten, um die so gleichgültig wie verschwenderisch blühende Schönheit der Anderen für mich erträglich zu machen? – Keinesfalls! Das wäre ja eine Handlung, die meinen Neid zu lindern vermag, eine fragwürdige vielleicht, langfristig wohl wenig wirksam, aber dennoch eine Handlung, und eine, die ihren Ursprung anerkennt: „Die Andere ist so schön, drum will auch ich nun schöner werden.“ Das Gift ist hier eher eine Medizin, es soll dem Mangel abhelfen. Das Besondere am Ressentiment ist nun, dass es seinen Ursprung verleugnet, gar in sein Gegenteil verkehrt, um nicht mehr spüren zu müssen, wie die Andere mir überlegen ist, wie mich ihr Schönsein herausfordert. Ich sage mir und anderen dann vielleicht, dass die Schöne übertrieben herausgeputzt sei, das wirke ganz unnatürlich. Und noch weitergehend finde ich einen Kniff, um sie als unschön wahrzunehmen. Damit hätte sich der Neid erledigt, wenn ich nicht tief in mir um die Wahrheit wüsste: Da ist ein hoher Wert, die Schönheit, dem ich nicht zu genügen vermag, und damit ich`s ertragen kann, ziehe ich den Wert hinab ins Wertlose, beschmutze ihn.
Dieses im Innern grollende Wissen um die Überlegenheit nun ist das Ressentiment. Es beruht auf der Verkehrung einer objektiv richtigen Wertordnung, der „Ordnung des Herzens“. Scheler untersuchte das Ressentiment in seiner katholischen Phase, deutet es als linkisches, verlogenes Ausweichmanöver vor dem Eingeständnis des eigenen Mangels. Im online-Jargon wird von einem “Cope” gesprochen: Einem Kompensationsmechanismus besonderer Perfidie, der funktioniert, weil er sich selbst nicht mehr erkennt. Aufrichtig, geordnet durch den transzendenten Ursprung aller Werte, der zugleich ihr Ziel ist, wäre demgegenüber die Anerkennung des Ungenügens – und ein gelassener, bewusster Umgang damit. Angelehnt an jenes überzitierte Gebet um Gelassenheit: Was im Lichte einer gesunden Wertordnung erstrebenswert erscheint und zudem durch eigenes Streben erreichbar ist: Nur zu! In anderen Fällen des Mangels sind geduldiges Vertrauen oder wohlwollende, reife Resignation angemessen: Ein Ziehenlassen des für mich nicht oder nicht mehr Erreichbaren. Der Wert an sich wird nicht gemindert, er bleibt bestehen. Ich kann zu ihm heraufsehen und ertrage die Differenz zwischen meinem minderen und seinem höheren, gar vollkommenen Sein. Dass Scheler in der Heiligkeit das Gegenbild zum Gift des Ressentiments sieht, während für Nietzsche dieses das Wesen der christlichen Werte ausmacht, ist pikant und wert, eigens betrachtet zu werden.
Das Ressentiment ist nun ein tauglicher Schlüssel, um viele Erscheinungen der Kultur zu verstehen. Allerdings einer, der als Universalschlüssel erscheinen kann und so manches scheinbar erklärt, dessen Wesen er doch in Wahrheit vergröbert und seinen Zwecken gemäß passend macht. “Nur herein mit dem Schlüsssel, mit ein wenig Schmierfett wird es schon gehen!” Nicht alles, was als “Ressentiment” erklärt werden kann, ist damit tatsächlich in seinem Wesen erkannt. Nietzsches Diagnose des Christentums als feinster Blüte des Ressentiments mag hier, so man Scheler folgt, als bestes Beispiel dienen.
Wie nun prägt das Ressentiment die Kultur? Betrachten wir, wie mit dem Entstehen der bürgerlichen Moral zunehmend jene Güter und Eigenschaften höher bewertet wurden, die der Einzelne kraft eigener Leistung erworben hat. Scheler bezieht sich hier auf den Soziologen Werner Sombart (1863 – 1941). Dieser studiert die Bourgeoisie des frühneuzeitlichen Florenz und zeigt, wie die Tugenden des Haushälterischen, des selbsterworbenen Verdienstes und des Maßvollen dem ressentimentgeladenen, “scheelen” Blick auf die großzügige, unbekümmerte Lebensführung des Adels entsprangen. Ein Zitat sei gestattet, ein jeder wird darin die Gleichmacherei unserer Tage erkennen: “Weder Altertum noch Christentum kannten diese Wertung, welche den sittlichen Wert und die Bedeutung des Lebens aus allen inneren Zusammenhängen mit dem Universum, der biologischen Herkunft, der Geschichte – und endlich mit Gott herausreißt und es nur auf die eigene, einsame und begrenzte Kraft des Individuums stellen will.” Wird das Ererbte entwertet, seien es die genetischen Anlagen oder Reichtum, Güter, gesellschaftliche Positionen, so folgt daraus notwendig, dass alle auf gleichem, dabei recht niedrigem Niveau ihr Leben beginnen, bei gleichzeitig höchstem Potenzial: Eine Vergewaltigung, die die Schwachen beschämt, da sie trotz angeblicher Gleichheit jenes Potenzial niemals erreichen, und die Starken kleinhält, da sie vorgeben müssen, ihre bürgerliche Leistungsreise gleich allen anderen an einem “Nullpunkt” anzutreten.
Nun könnte, wer das Ressentiment als Waffe des Schwachen erkannt hat, also meinen, es gebe in der Welt gar keine Ungerechtigkeit. Jedes Aufbegehren gegen Macht und Gut sei dem Ressentiment geschuldet, wer Güter besitzt und andere seinem Willen zu beugen vermag, der sei allein dadurch gerechtfertigt in seinem Sein. Man kennt diese Spielart des Nietzsche-Epigonen vor allem aus sozialen Medien, manches wäre dazu zu sagen. Vor allem aber dies: Der florentinische Handwerksmeister, wie Sombart ihn schildert, voll kleinkariertem Hass auf den souverän protzenden Aristokraten, ist wahrhaft eine Ressentimentfigur. Der Bürger hingegen, der offen und wissentlich auf neuen Wegen Wohlstand und Einfluss erstrebt, da Erbe und angeborener Rang ihm verwehrt sind, ist ein Konkurrent jenes Aristokraten, und dessen Wertordnung umzugestalten ist ein Machtmittel, dessen er sich bedient. So verändern sich Gesellschaften, so verschiebt sich Macht. Dies geschieht, wenn die bestehende Ordnung sich selbst nicht mehr regulieren kann, daher maßlos wird in ihren Ansprüchen, und nicht mehr gerechtfertigt erscheint. Das Ressentiment ist stets Teil einer solchen Verschiebung, aber erst, wenn es zum Wesenskern einer neuen Idee wird, kann es das Zusammenleben tatsächlich vergiften. Nicht jede In-Frage-Stellung von Machtverhältnissen lässt sich demnach als Ressentiment verstehen. Wieder ist entscheidend, ob es um die selbstbewusste Durchsetzung eigener Ansprüche geht, um ein Streitigmachen auf Augenhöhe, oder ob der Machtlose zum süßen Gift der Lüge greift, um die Machtfülle des Überlegenen in den Schmutz zu ziehen. “Was bin ich froh, nicht so reich zu sein wie der elende Fürst.” – so könnte der Leitspruch des Ressentimentbürgers lauten, wie ihn uns Sombart vor Augen führt. Das Ressentiment kann stets nur verneinen, herabziehen, sich parasitär nähren. Dies auf die Gegenwart zu übertragen, bleibt dem geneigten Leser überlassen. Zu Schelers Verteidigung des Christentums gegen Nietzsche sei nur eines angeführt: Wenn nur noch das eigene Verdienst gilt, ebenso wie die eigene Schuld, die einer durch sein Tun auf sich lädt, dann ist die christliche Vorstellung von der Erbschuld ebenso dahin, wie das von Scheler so bezeichnete “Erbgut”. Wir sehen einen verkniffenen Typus, Freuds analer Charakter kommt in den Sinn, einen, der rechnet, der hortet, der nicht gönnen kann. Damit ist die Teilhabe an der Auferstehung “in Christo” als gemeinschaftliches Geschehen nicht mehr zu begreifen, und das Sühnegebet des gläubigen Mütterleins für die armen Seelen im Fegefeuer wird sinnlos.
Die christliche Solidarität in der Schuld wie im Leid atmet Größe, Weite. Ein Ressentimentgetriebener hingegen wird empört auf den Sünder neben sich in der Kirchenbank blicken: “Was hat er denn geleistet, dass er hier sitzen darf?” Max Webers “Geist des Protestantismus” führt an dieser Stelle weiter, legt dar, wie die protestantische Glaubenslehre den Bedürfnissen des bürgerlichen Zeitalters entsprach. Gegen die obige Deutung der Erbschuld als christliches Solidarkonzept mag nun der Leser einwenden, die christliche Erbschuld sei immerhin Voraussetzung des uns heute bedrückenden Schuldkults, und somit fatal. Dem sei hier zunächst nur mit einem Hinweis begegnet: Die “Verdiesseitigung” christlicher Konzepte wie der Schuld, der Erlösung, der Ganzhingabe und vieler weiterer ist eine unvermeidliche Erscheinung der Moderne. Wenn Gott nun einmal vom Thron gestoßen ist, betreiben die nachkommenden säkularen Religionen wie auch die Kunst und die Literatur Leichenfledderei am Corpus der christlichen Ideengeschichte… daraus sind berührende Zeugnisse spiritueller Sehnsucht enstanden, ebenso wie mißgestaltete Wolpertinger nach Art des deutschen Schuldstolzes. In einer Welt nach Nietzsches Verdikt ist es uns Heutigen aufgegeben, das eine vom anderen zu scheiden, wenn wir bestehen wollen.
Zwei weitere kulturell wirksame Wertverschiebungen schreibt Scheler dem Ressentiment zu: Zum Einen die Subjektivierung der Werte: Wenn ein als objektiv gültig erkannter Wert nicht erreicht werden kann, wird – Simsalabim!- dessen Allgemeingültigkeit bestritten: “Alle Werte sind subjektiv!”- Welche eine Erleichterung, mit einem Nadelstich den aufgeblasenen Ballon seiner Kraft zu berauben, schlaff sinkt er herab! – “Bloß subjektiv!” – Der Zauberspruch des Kümmerlings! Weiterhin kommt es zu einer Erhebung des Nützlichen über den Lebenswert selbst. Während das Nützliche der Erhaltung des Lebens, und weitergehend seiner Annehmlichkeit dient, so dient der Lebenswert sich selbst: seiner Entfaltung, seinem wesensgemäßen Sein. Sobald das Annehmliche dem Lebenswerten übergeordnet wird, kommt es notwendig zum Verfall.
Da das Ressentiment nur zehren kann, verschlingt eine Kultur sich selbst, die nur noch fragt, ob dieses oder jenes nützlich sei. Die Frage nach dem „Wozu?“ des Nützlichen wird nicht mehr verstanden. Unweigerlich kommen apokalyptische Bilder in den Sinn. Während der der letzte Mensch zwischen Lüsten dahintaumelt, setzt sein stets pragmatisch orientierter Zwillingsbruder vor allem an die Optimierung seiner Alltagsgeschäfte. Gelegentlichem Unbehagen begegnet er dementsprechend mit weiterer Effizienzsteigerung. Fruchtbare Blüten treibt das Ressentiment in unserer Zeit, schnell und still wird es verdorren, wenn wir den Schmerz des Ungenügens nicht mehr fürchten.






