Chris Löhmann: Verdichtete Identität

„Ich habe gesehen. Hört und seht, wenn ihr könnt“. Unter diesem Titel stellt der Zeichner Chris Löhmann aus in der Galerie Zentrale Randerscheinung in Leipzig. Tatsächlich muss man sehen können. Chris Löhmann kann dies augenscheinlich. Stichworte, die mir in den Sinn kommen, schweift man durch das Werk des sächsischen Künstlers: Deutschland, genauer: Ostdeutschland, man betrachtet Verdichtungen, begegnet Motiven wie Zerrissenheit, Heiligkeit, Ausgeliefertsein und Ritual.

Sie existiert noch, jene Kunst, die verblüfft und berührt. Talent ist fraglos vorhanden in der Welt, aber nur die wenigsten wühlen auf, graben aus und dringen vor. Chris Löhmann musste etwas in mir mindestens gestreift haben – ein Gedächtnis, eine Stimmung, ein gefühltes Erbe. Es ist sein Können, die Wunden der Geschichte, in denen wir zu leben haben, dem Vergessen zu entbergen und durch akademisch geschulte und begabte Finger zur Welt zu bringen. Dies ist auch die Arbeit eines Generationenzeichners, eben meiner Generation, in den Neunzigern, in den Ruinen und Verheißungen eines post-sozialistischen Nachwendejahrzehnt aufgewachsen. Seine gewählten Architekturen, Landschaften, Formationen und Figuren sind die uns gemeinsamen, seine gläubige Glut deckt sich mit meiner. Deswegen dieses Portrait – weil ich nur Kunst bespreche, die ich für schön, wahr und gut erachte bei maximaler Offenheit in der Form. Kunst, die mich einhüllt und doch bleibt Ratlosigkeit beim Durchblick der Werke, denn der rationalisierte Geist will nun einmal genau wissen, wird wiederholt enttäuscht, denn er hat sich zu gewöhnen, nicht immer alles verstehen zu können. 

Es ist nicht einmal so, dass man die Werke „verstanden“ haben muss, der Urheber tut dies nach eigener Aussage selbst nicht. Dem vernünftigen Betrachter, dem wir heute alltäglich begegnen, entzieht der verdichtete Eindruck der geschauten Bilder die bloße Sprachkraft, das Gesehene und Erfasste allgemein auszudrücken. Höchst interpretationsfähig ist das Ganze aufgrund der Vielzahl der Elemente im Bild und dabei ist es von Vorteil, vom Urheber zu erfahren, wo dieses und jenes Detail, die Figuren herstammen, sofern er sich erinnert. Längst ist er aus jenem Traum erwacht, der ihn zu diesem konkreten Bild, zu jener speziellen Symbolik veranlasste. Denn Löhmann denkt nicht nach, er greift – in diesem Moment wahrscheinlich längst traumwärts gleitend – zum Stift und seine Finger beginnen zu arbeiten. Er steigt hinab: zu den längst verschwundenen und überlieferten Inseln seiner (unserer spezifisch ostdeutschen?) Identität, schreitet von Biografie zu Biografie durch die Ruinen Ostdeutschlands, der sächsischen Schweiz, streift durch seine Heimat um die Feste Königstein und Dresden. Als „Blick auf die Dresdner Südvorstadt“ ist eines seiner Werke beschrieben – 1945 in der unteren linken Bildhälfte steht – das ist Wüste, ist Wunde, unverarbeiteter Generationenschmerz und Schrei, kaum zu erdulden, Dresden ist heute wieder und war damals ebenso, eine eigene Welt, eigene Kulturstufe, ehe diese in weniger als 72 Stunden fast vollständig vernichtet wurde. Löhmann skizziert nicht, keine Theorie, kein Kopf, da sind nur der Traum und Künstler Löhmann, nun Werkzeug seiner ganzen Seinsgeschichte im Moment des Arbeitens, durch den das in den Schichten der Zeit Geborgene zu gültiger Form gerinnt. Er durchwandert die Welten der Erinnerung und kehrt zurück mit allerlei Dingen, die verwoben zwischen gewählten Figuren, in Epochenbildern, in der sie eingefasst, lagerten. Er portraitiert, einige Male auch sich selbst, Ritualhaftes, Religiösität und Spiritualität spielen eine Rolle. Der Ausdruck in den Gesichtern immer wissend, leidend, konzentriert.

Die Perspektive Löhmanns ist eine durch und durch männliche. Gewalt und Nacktheit sind mit Schicksal verknüpft, der einzelne in die Verläufe seiner Zeit eingeflochten. Dort ist der Soldat, an anderer Stelle eine riesenhafte Männergestalt wie eine himmlische Erscheinung vor einer drohenden Wolkenkulisse. An etlichen Stellen tauchen Referenzen zur griechischen Antike auf, wenn eine „Thetis den Achill bewaffnet“ oder „Hera auf den Olymp blickt“ (laut erweiterter Bildbeschreibung blickt die nackte Frauengestalt von Freital aus zum Windberg), darunter prangt ein Totenkopf. Solche Anleihen sind nicht vulgär oder plump zur Schau gestellt, um zu provozieren. Auch geht der Betrachter kein verruchtes Verhältnis ein. Die Provokation der Bilder liegt ganz woanders: in ihrer unaufgeregten ganzheitlichen Darstellung, ihrer Einarbeitung im historisch-kulturellen Kontext. Im Herabild spannt Löhmann eine Schnur, an der sich Symbole wie Reliquien und Einzelschicksale zweier (ost-) deutscher Jahrhunderthälften nach und nach zu einem Ganzen auffädeln. Im Hintergrund: die Silhouette eines Mannes und eines Gotteshauses – alles liegt miteinander im Verhältnis und wird bündig in den unzähligen Graustufen, die der Künstler zur Meisterschaft brachte. Man findet auch keine Sentimentalität irgendeiner kitschigen Ostalgie, die gewissen Empfindungen und Institutionen nachtrauert, seine Welt wechselt zwischen anarchisch anmutender Hyperdetaillierung und ausdrucksstarken Portrait regionaler Gestalten und Geschichten. Als Ostsozialisierter fühlt man sich hier zugehörig trotz aller Unklarheiten und Interpretationsspielräume. Welche Rolle spielen Melancholie und Tabus?

Kein einziges Bild ist Flucht: ins Ironische – ins Abstrakte, jener Krankheit unserer „zivilgesellschaftlich“ verbildeten Generation, die oft nicht geraden Rückens und ehrlichen Auges in die Ambivalenzen zu blicken wagt. Löhmann zeigt den Menschen als „Geworfenen“ ohne erklären, einordnen oder lehren zu wollen, so der Galerist Thomas Fiebig, Heidegger zitierend, an jenem Abend im Osten der Messestadt Leipzig. Ich machte mich sehr neugierig auf, sowohl Werk als auch Künstler selbst im realen Leben nach langem Hin-und-Her-Geschreibe zu treffen. Und anders als in meiner Vorstellung in einem Gewerbegebiet, befindet sich die Galerie inmitten eines Wohngebietes. Während der guten Dreiviertelstunde Autofahrt schallte unter anderem Death In June durch die Boxen – jene Band, deren Lieder häufig die Bilder Chris Löhmanns auf Instagram musikalisch rahmen – Free from the prisons of our past / The sentences and the fears that last / We have lost another blossom to the snow / Where our bridges burn and glow usw. usf. Wir einigen uns, dass sie Pianoversion des Songs die bessere ist, jeweils zum Schreiben und zum Zeichnen. Warum Death In June? In den Stücken der britischen Neofolkband schwingen Empfindungen und Bilder mit und es kommen mir unwillkürlich die Worte Ernst Jüngers in den Sinn, der über das Unverständnis unserer Zeit spricht, und zwar darüber, wie sich „einzelne ekstatisch in die Arena werfen, über jede Anwandlung von Schmerz und Furcht hinaus“. Chris Löhmanns Martyrium besteht in seiner Verwurzelung, wodurch er politisch wird, ohne freilich in irgendeiner Form politisch zu sein oder anstrebt, dies sein zu wollen. Die Komposition an sich lässt diese Interpretation zu. Denn wo es um Figuren geht, spielen die Verhältnisse eben eine Rolle. Das alles überstrahlende Element ist der Bezug zum Stoff Identität und diese ist Ostdeutschland, das vielumkämpfte Eigene. Besonders die tabulose Blickrichtung, die bei Löhmann nicht nur andeutet und an Sprache und Land vorbei raunt sowie dessen Motivwahl – Liebe, Krieg und Opfer – und der meist unfreiwilligen Lebenslose weit abgeschrittener Räume abseits tagespolitischer Standpunkte. Die Totalität des Krieges etwa, die alles erfasst, in dessen Maschinerie der einzelne kurzerhand eingeschmolzen wird. So zeichnet er seinen Urgroßvater an der Ostfront „kurz vor dem Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte“. Man sieht in ein ernsthaftes Soldatengesicht unter einem Stahlhelm mit dem Ausdruck desjenigen, der um sein Schicksal weiß und nichts anderes zu erwarten hat. Eine Frauenfigur „Henriette“ blutet aus dem Mund und blickt „in die Unterwelt“- auf die Toteninseln unserer konkreten Kulturgeschichte, auf denen auch Chris Löhmann voller Wachheit zu wandern vermag. Man ist schlicht „geplättet“, sagt mir ein anwesender Verleger. Es geht also nicht nur mir so an diesem Donnerstagabend. Ein Lichtblick, sehr modern, wimmelig, wuchernd, Einflüsse von streetart in den frühen Bildern, während jüngere Werke teilweise böcklinisch und bündig wirken. Doch: fahrt hin und seht selbst, „wenn ihr könnt.“

Noch bis zum 08.03.2025 kann man das Werk Chris Löhmanns in der Galerie Zentrale Randerscheinung in Leipzig besuchen.

Chris Löhmann
Chris Löhmann
Chris Löhmann blickt auf eine Lithographie.

ASTER

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