Zwischen 13. und 15. Februar 1945 wurde Dresden durch Angriffe britischer Bomber flächenmäßig zerstört. Hunderttausende Menschen fanden den Tod. Darunter zehntausende Flüchtlinge aus den Ostgebieten des Reichs. Geblieben waren nur Ruinen, sichtbar im Stadtbild am Beispiel der lange prägenden Ruine der Frauenkirche sowie unsichtbar und tiefbrennend in den Seelen und Herzen der Dresdner. Der Angriff jährte sich jüngst zum achtzigsten Male. Im Rahmen der öffentlichen Gedenktage an den Untergang Dresdens wurde im MDR ein Text der Schriftstellerin Charlotte Gneuß im MDR veröffentlicht. Dieser enthält schlicht unsachliche und rein spekulative Passagen und soll an dieser Stelle nicht unwidersprochen bleiben. Historisch ist diese Aussage schwer belegbar, da sie auf einem kontrafaktischen „Was wäre gewesen, wenn“ basiert. Die Forschung zeigt, dass der Nationalsozialismus in Deutschland auf breite Zustimmung stieß – durch Propaganda, wirtschaftliche Erfolge und die Ausschaltung von Opposition. Die Flammen, die Dresden fraßen, waren keine Strafe für Passivität, sondern die Frucht eines entfesselten Krieges und den die Alliierten mit erbarmungsloser Logik führten. Gneuß sieht die Schuld der Vorfahren, aber sie übersieht die Maschinerie des Krieges, die einmal in Gang gesetzt kein ‘Wenn’ und ‘Hätte’ kennt. Das Leid der Menschen in den Kellern fragt nicht nach Moral – es brennt einfach.
Einführend soll das Zitat vorangestellt werden, welches unter sachlicher Betrachtungsweise als höchst kritisch gesehen werden kann:
„Denn hätte es um die Jahrhundertwende und in den ersten Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts eine aktive Zivilgesellschaft gegeben, die den Aufstieg der Nationalsozialisten verhindert hätte, wären die Bestrebungen der Rechten nicht verharmlost und negiert oder gar heimlich gewollt gewesen – das alte Dresden stünde heute noch.“
Das ignoriert Nuancen, Ambivalenzen und ist pauschalisierend. Tymothy Snyder oder Jörg Friedrich wiesen nach: Widerstand war oft ein Tropfen auf dem heißen Stein. Doch nun eins nach dem andern. Eine Replik und Aufruf zu einer souveränen Betrachtung der Geschehnisse.
Der Stadtschreiberin des Jahres 2024, Charlotte Gneuß, geht es nicht um die Frage, ob Dresden ein Kriegsverbrechen war. Diese Frage geht für sie persönlich am Kern der Sache vorbei. Sie führt aus, Dresden sei „keine unschuldige Stadt“ gewesen sei (Stichwort „Schuldkult“). Unterstreichend stellt sie die These auf, dass Dresden keine Stadt des Widerstands war, sondern eine, in der die Bevölkerung weitgehend passiv blieb und das NS-Regime sowie seine Politik unterstützte oder zumindest tolerierte.
Sie kritisiert die bis heute anhaltende Tendenz, die Bombardierung isoliert als Opfererzählung zu betrachten, ohne den Kontext der deutschen Kriegsschuld zu beleuchten. Für Gneuß liegt die Bedeutung des Gedenkens darin, aus der Geschichte zu lernen und eine engagierte Zivilgesellschaft zu fördern,
Hierzu macht sie einiges Belastendes geltend. Kern ihrer Gedanken ist die Behauptung, daß mit einer „aktiven Zivilgesellschaft“, die sich gegen Unrecht stemmt, statt es hinzunehmen, die Zerstörung Dresdens hätte verhindert werden können. „Das alte Dresden stünde heute noch.“ Dabei verweist sie auf das Beispiel einer Menschenkette in Dresden, was letzten Endes in der heute wohlfeil verwendeten Formel des „Nie wieder ist jetzt“ mündet. Damit schließt sie sich der Auffassung an, wonach die Deutschen, die den Krieg zu verantworten hätten, aus diesem Grunde die Folgen am eigenen Leib spüren mußten.
Auch ist ihre Schlußfolgerung, aus der Geschichte „zu lernen“ und innerhalb der „Zivilgesellschaft“ aktiv zu sein, um dadurch eine neuerliche Zerstörung Dresdens zu verhindern, nicht haltbar: Zum einen wird ignoriert, dass die Aufstellung und Entwicklung der Alliierten Bomberverbände nichts mit der Politik im Deutschen Reich zu tun hatten, zum anderen die Tatsache, daß die Parteien der Weimarer Zeit sogar eigene Kampfverbände vorhielten. Die KPD den Rotfrontkämpferbund, die SPD mit DDP und Zentrum, das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, die DNVP den Stahlhelm und die NSDAP die Sturmabteilung. Fehlende Aktivität der damaligen Generation, also der damaligen „Zivilgesellschaft“, kann gerade nicht vorgeworfen werden.
Ihre Argumentation entspricht der Fortführung des Krieges als totalen Krieg, der in letzter Konsequenz nur Sieg oder Vernichtung zuläßt. Ein Frieden ist hier nicht (mehr) möglich, denn der Andere ist „nicht unschuldig“, er muß gerichtet werden. Irdische Gerechtigkeit wird auf den Bomberpiloten übertragen, der in dieser Weltsicht an die Stelle Gottes tritt und straft. Der Einzelne wird aber im Feuersturm moralischer Selbstermächtigung ausgelöscht. An die Stelle des Einzelnen tritt ein ahistorisches Rollenspiel: Die „Zivilgesellschaft“ tritt in diesem Spiel den Nazis entgegen, dargestellt durch die Rechten. Eine Zivilgesellschaft, die sich in den Jahrzehnten ab der Jahrhundertwende gegen die extreme Ströme gestemmt hätte, mag man sich träumen; doch die Geschichte ist kein Märchenbuch, das man umschreiben kann.
Die Spaltung der Gesellschaft findet genau hier statt. Es ist eine schön geordnete Argumentation und man findet darinnen nur die Möglichkeit mitzumachen, sich einzureihen in die Menschenketten der „Anbräuner“ oder ganz im Abseits zu stehen.
Alles wird überschaubar: gut, böse, richtig, falsch – fein säuberlich sortiert nach politischer Gruppenzugehörigkeit. Es ist nicht so verkürzt und einfach, wie Solschenizyn erkannte, denn: „Die Linie, die Gut und Böse trennt, verläuft nicht zwischen Staaten, nicht zwischen Klassen und Parteien, sondern quer durch jedes Menschenherz.“
Und Dresden? Das alte Dresden stünde wohl auch dann nicht mehr, selbst wenn die Nazis nie geherrscht hätten. Städte fallen, wenn Kriege toben – das ist keine deutsche Besonderheit.






