Ich betrachte das Karma (Schicksal) eines Menschen als Richtung, in welche Gott uns weist. In letzter Konsequenz bedeutet dies: Wer nur noch dem Geiste verpflichtet ist, der ist an keine Familie, an kein Volk und an keine Rasse gebunden, sondern nur noch der gesamten Menschheit verbunden.
Hans-Hasso von Veltheim
Linie 7, Ziel Kunstmuseum Moritzburg. Ich fahre so gut wie nie mit der Tram, schon gar nicht zur Weihnachtszeit, wenn sich das Volk aus dem Umland aufmacht, um dem halleschen Weihnachtsmarkt bei Glühwein für 5 € plus Pfand und amerikanischem X-Mas-Gekrächz zu frönen. Horror, aber der Kitsch dieser kleinen Weihnachtswelt ist noch eher zu ertragen als der Gedanke, sich in der Bahn nun zwischen die Leute quetschen zu müssen. Laut telefonierende Leute, hustende Rentner, Mütter mit Kinderwagen. Zwischen Hauptbahnhof und Marktplatz kommen nun alle zusammen, eine große, dicht an dicht stehende Völkerfamilie, die Bewahrheitung des BRD-Menschheitstraums für mittlerweile 3,40 €. Ich steige rechtzeitig aus. Muss sowieso noch zur Bank.
Im Kunstmuseum
Man trifft sich – den Innenhof betreten sehe ich mich erstmal um. Reger Betrieb, man hat einen kleinen, hübsch beleuchteten Weihnachtsmarkt mit allerlei Kunstkram aufgebaut. Keine Massen an diesem Ort, hier geht man sich ganz gut aus dem Weg, denke ich. Da beugt sich gerade jemand herunter, als ich ihn erkenne, womöglich ist dort eine Inschrift angebracht. Er steht etwas abseits. Als ich in seine Richtung laufe, erkennen wir uns, wechseln zur Begrüßung erste Worte. Architektur und so, das Schloss ist teilweise eine Ruine, auf die man modernistisch aufgesattelt hat. Irgendwie brutal. Ein ehemaliger Bischofssitz von Magdeburg ist heute Museum, wie fast alles, was sich öffentlich Kultur nennt, auf irgendeine Art und Weise geschäftige Musealisierung ist. Aber: Hans-Hasso von Veltheim kannte ich noch nicht, jenen kunstbeflissenen Geburts- und Geistesaristokraten, der bis zur Enteignung durch die Bodenreform das Schloss Ostrau im Norden von Halle besaß und bewohnte. Der Adelssohn aus preußischem Geschlecht lebte von 1885 bis 1956 und war eine schillernde Persönlichkeit – Weltreisender mit Asienvorliebe, brachte so manches Artefakt mit aus der fernen Welt im Osten – Skulpturen und Schmuck, Malereien und Schriftstücke. Daneben war er Mäzen und Förderer verschiedener Publikation wie der Zeitschrift „Der Orchideengarten“, einem avantgardistischen, obskur gestalteten Blatt, dass in wenigen Ausgaben und Jahren in der jungen Weimarer Republik erschien und die heute großen Sammlerwert besitzt.
Nachdem wir unsere Karten gekauft und Jacken verschlossen haben, betreten wir die Ausstellung. Zwischen den einzelnen Betrachtungsintervallen einzelner Bilder kommen wir immer wieder flüsternd ins Gespräch, Thema Mäzenatentum, Figuren wie Hans-Hasso von Veltheim gebe es heute ja nicht mehr wirklich, die Künstlern und Projekten Raum ermöglichen, eine Zeit lang in Ruhe etwas auf die Beine stellen zu können. Ich bin doch recht dankbar, dass man ihn hier portraitiert oder dies versucht.
Ab und zu fördert die Kulturverwaltungswissenschaft ja doch noch interessantes, gar Neues zu Tage. Veltheim passt als Regimekritiker freilich in die Erzählung des modernen Kulturverständnisses, zusätzlich war er kosmopolitisch – das Milieu der akademischen Weltmenschen dürfte sich angesprochen fühlen. Er trat 1937 der NSDAP bei, ließ seine Asienreisen vom Regime finanzieren, repräsentierte das Reich im Ausland; zugleich half er jüdischen Verfolgten, stand wohl in Kontakt zu Widerstandskreisen (Cousine Elisabeth von Thadden) und schuf in Ostrau ein offenes Haus „für Künstler aller Nationen und Bekenntnisse“. Refugium.
Diese Ambivalenz ist kein Zufall, sondern Signum: Der Sammler als Komplize und Retter zugleich, der die Aura des Fremden bewahrt, während sich ringsum alles verdichtet.
Für die konservative Perspektive ist Veltheim auch deshalb interessant, weil er die Schätze vor dem Zugriff eines totalitären Systems zu retten suchte, unter zunehmender Bedrängnis sozusagen einen Weltgarten pflegte – zu Besuch waren Brücke-Künstler in früheren Jahren, zu NS-Zeiten den Rabbiner Leo Baeck, unterstützte ihn bis zu dessen Deportation sowie Anthroposophen und Expressionisten. Das war seine Tat und Haltung gegenüber offener Dissidenz. Der Typus des besitzbürgerlichen Boheme und Ästheten wurde damals wie auch heute eher schief beäugt. Umso erfreulicher also, dass es ein echter Deutscher und Adliger zu BRD-Zeiten in eine öffentliche Ausstellung geschafft hat. Veltheims pragmatische Flexibilität wird von dem Ansinnen überstrahlt, die Räume für die Kunst und den Dialog stets offen gehalten zu haben.
Wir hatten soweit alles betrachtet, standen vor den beeindruckendsten Artefakten der Sammlung und entscheiden uns also nun, die Ausstellungsräume zu verlassen. Doch bleibt mir ein Gefühl der Barbarei zurück, wenn versucht wird, das innerste Material eines Ortes zusammenzukratzen und für den postkulturellen Menschenschlag als etwas Glaubhaftes anzubieten. Die kolorierten Holzschnitte von Richard Seewald oder Hedwig Kruse, die Gouachen abstrakter Kompositionen – sie strahlen noch die Aura des Privaten aus, des intimen Refugiums, das Veltheim gegen seine Zeit errichtete. Doch in ihrer Fragmentierung spiegelt sich der Trümmerhaufen der Geschichte: NS-Repressalien, Gestapo-Verhöre, Enteignung 1945. Die Pole der Sammlung – Europa und Asien – werden zu einer dialektischen Figur: Die Verausgabung des preußisch-adligen Kunstsammlers als Akt der Souveränität, der sich der instrumentellen Vernunft entzieht, indem er das Unterschiedlichste vereint. Wo sind solche Männer heute?
Hans-Hasso von Veltheim
Wichtige Frage daher: Wo stünde ein Hans-Hasso von Veltheim heute? Wäre er Teil einer Avantgarde gegen die zunehmende Enge oder wäre er pünktlich-emphatischer Phraseur und „Experte“, Teil des Ensembles „Zivilgesellschaft“, dem man ein paar Sätze aus dem Kreuz leiert, wenn wieder mal etwas oder jemand stört? Das weiß niemand genau. Man kann sich solche Leute auch zurechtbiegen, bis sie ins eigene Bild passen. Ich sehe einen Mann der Selbstbehauptung, der elitär gekleidet, in einer Zeitschrift blätternd vor einem großen Bild auf seinem Sessel sitzt, während Mozarts Preußische Quartette den Raum streichend ausfüllen und der jeden Moment Gäste empfängt, um über die nächste Publikation oder die nächste Veranstaltung zu sprechen. Man beachte, dass er die Mutter mit dem Kind – seine Mutter Clara mit klein Hans – zentral über dem Kamin plazierte. Vielleicht ein subtiler Widerstandsakt, mindestens aber doch persönlich, schön und gut.
Wir sind uns jedenfalls einig, dass es nicht schaden würde, gäbe es heute vergleichbare Persönlichkeiten mit den entsprechenden Eigenschaften heute.
Sich von der Welt berühren und mittreiben zu lassen ohne die Fundamente des Eigenen abzubrechen. Ich kann mich deshalb nicht einem Programm oder einer Richtung anschließen, wenngleich unsre hochpolitisierte Zeiten unablässig danach verlangen, sich zu positionieren. Die Verbündeten jedenfalls, die sehe ich nicht nur auf der rechten, ich finde sie ebenso auf der linken Seite. Mich treibt an: das Gegenständliche, Bleibende, Spiel, der Humor, die Natur, Kunst, Offenheit, nur um einige Unterströmungen zu nennen. Diese ganzen Begriffe, vor allem „rechts“ und „links“ im modern-vernebelten Unsinne einmal abgelegt, bleibt nur die Trennung von allem, was mit diesen Schrottbegriffen noch irgendwas erreichen will. Man müsste doch zunächst einmal die Worte auf ihre eigentliche Bedeutung zurückführen.
Pasolini, Müller & Brecht
An die Lagerdenker, die die Welt in Parzellenteilen, marschieren, Köpfe und Reihen schließen, und die anzählen, die nicht mitmarschieren: Mir ist es egal, ob die „rechten“ Leute gewinnen, ich will, dass die richtigen Leute gewinnen. Also stehe ich wohl abseits. Nicht aus Feigheit, nicht aus Gleichgültigkeit. Sondern weil ich weiß: der Mensch ist ein Mängelwesen, ein nervöses Bündel aus Verfall und Sehnsucht, und nur die Kunst rettet ihn für Augenblicke vor dem endgültigen Zerfall. Kunst funktioniert nicht – sie wirkt – Heiner Müller, ein linker Pessimist. Und sie wirkt gerade dort am stärksten, wo sie einige am liebsten verbannen würden. Ihr wollt klare Kante, wollt „unsere Kultur“, wollt keine „Irrwege der Moderne“. Ich will Glut. Ihr wollt Abgrenzung, ich Durchdringung.
Ihr wollt die Ikonen des Gegners zerschlagen. Ich möchte ihnen die Ideologie abstreifen, sie entreißen und ihre Schönheit stehen und sterben lassen. Der junge Guevara auf seinem Motorrad – ihr seht nur den späteren, den Comandante, die junge Meinhof, ihre entschlossenen Augen – ich sehe suchende Jünglinge, aus einer Zeit, die Welt und Weite spüren und das lepröse Elend riechen.
Brecht in Buckow – ihr seht nur den Agitator. Ich sehe den alten Mann, der plötzlich Kirschbäume betrachtet und seine Parolen vergisst.
Pasolini in den borgate – ihr seht nur den Marxisten, Perversen, den verachtenswerten „Homo“ (bei Mishima scheinbar kein Problem, mit George können noch einmal weniger Leute was anfangen). Ich sehe Pasolinis frommen Blick auf die heilige Armut der Vorstädte Roms. Der Katholik der Verzweiflung hasst die Konsumgesellschaft mehr als so manche von uns, die wir sie nur diagnostizieren. Seine Bilder sind roh, fromm, erbarmungslos schön. Teile man auch nicht seine „Lösungen“, warum auch, so erkenne man seiner Sehnsucht: nach etwas Ursprünglichem, das die Moderne zerfrisst – Kunst, ob bildend, ob Film und Bühne, mich interessiert vor allem Wirkkraft. Der Lagerdenker sagt: Dies und das darf man nicht. Das schwäche die Front. Ich sage: Gerade das, es stärkt – denn es bewahrt das Lebendige vor seiner, vor eurer Verhärtung und Totenstarre. Euer Fundamentalismus ist der der Parole, der Liste, der Säuberung, des Unbehagens. Mein Fundamentalismus ist der des Schönen und der sich nicht einspannen lässt. Ihr baut Mauern, ich hüte Feuer, auch aus fremdem Holz – und lasse mich wärmen. Geht nur weiter und zählt eure Reihen, die Umfrageergebnisse.
Jüngers Devise zum Thema Kunst und Künstler lautete, ihn interessiere ausschließlich die Kunst am Künstler, das Politische sei dem gegenüber „vollkommen sekundär“. Freilich ist mir bekannt, dass das heutige Selbstverständnis der Kunstfabrizierenden „links“ ist, dieses So-Sein als dünkelhaften Konsens im Alltagsverstand voraussetzend und daran anspruchsvoll partizipierend, was bedeuten kann, dass ein Großteil der Artefakte mehr Politik als Kunst ist oder gegenstandslos und willkürlich wirkt (oder gar beides). Und die andere Wahrheit: Kunst ist nicht unpolitisch, denn die Politik gehört zum Menschen und damit zur Kultur, und die betrachteten Kompositionen sind, von der neuen Technik, dem KI – Teufelswerk abgesehen, menschlich. Man darf Politik nicht mit System verwechseln, müsste sie sogar vor seiner Integration und Ausdifferenzierung ins Systemische schützen.
Ihr wollt das Feuer, das Schöne monopolisieren. Ich hüte es leise.
Andere flüchten ins Kostüm, ins Imitat bis zur Frisur. Man kann den Stumpfsinn der Moderne nicht mit neuen Stumpfsinn bekämpfen. Die Barbarei der Moderne nicht durch eine neue Barbarei überdecken. Man wisse: das Lebendige ist immer unrein. Die wahre Aristokratie schweigt; die falsche aber twittert in ihrem Disneyscope.
Ich bleibe hier und schaue, wo noch Glut lebt.
Auch in euren Feuern.
Auch in euren Trümmern. Denn am Ende bleibt nur das: ein Bild, ein Satz, ein Ton, der trifft.
Alles andere ist Lager.
Und Lager zerfallen.
SO AUCH UNSER TUN UND LASSEN,
WAS UNS HEISS UND WILD ERREGT,
UNSER LIEBEN, UNSER HASSEN,
SEI INS WELKE LAUB GELEGT
Die Aster, ich, umhüllt vom ersten Schnee Gottfried Kellers und bekannt zu jener Benn-Verdichtung eines noch einmal. Sie ist die Sehnsucht nach dem Antlitz, erblickt die beiden, Mann und Frau wie in Hofmannsthals Traum oder ein Bild in Veltheims Zimmer, vom knisternden Feuerlicht leuchtend.
Wir stehen auf dem Parkplatz an seinem Fahrzeug und verabschieden uns. Er hängt noch seinen Mantel hinter den Fahrersitz, ich mir den Jutebeutel mit der Benn-Zeichnung und komme mir vor wie ein Student. Darin die vier Hefte des Anbruch, die er noch übrig hatte. Den Essenzen nachgespürt.






