Als Arsène Lupin dem Sherlock Holmes die Uhr vom Arm stahl …

Die Postmoderne gleicht dem Mann, der seinen Schatten verloren hat. Sie lässt die Menschen glauben, sie könnten alles sein. Heute ein Dark-Metal-Fan, morgen ein Neurechter, übermorgen eine Frau. Dieser „Wesenswandel“ der Person basiert auf Zeichen, mit denen der Mensch gegenüber der Gesellschaft festlegt, wie sie ihn zu lesen hat. Wird der Mann zur Frau, wechselt er einfach seine Kleidung, seinen Gang und seine Geburtsurkunde, und schon wurde aus dem zuvor noch männlich Gelesenen eine Frau. Vergleichbar dem Meisterdieb Arsène Lupin schmückt sich die Person mit Signifikanten, die nicht ihm gehören, um die Menschen auf eine falsche Fährte zu locken. Dabei ist ihm, wie uns, im leeren Spiel der Zeichen das eigentliche Selbst verloren gegangen.

Dieses Spiel geht nicht ohne Verluste vonstatten. Leblanc lässt seinen Meisterdieb Arsène Lupin ermüdet klagen:

„Es ist sehr schön, ein Baudru oder jemand anderes zu sein, die Persönlichkeit wie ein Hemd zu wechseln und sein Aussehen, seine Stimme, seinen Blick, seine Schrift zu wählen. Aber es kommt vor, dass man sich in all dem nicht mehr wiedererkennt, und das ist sehr traurig. Im Moment empfinde ich, was der Mann gefühlt haben muss, der seinen Schatten verloren hat. Ich gehe mich suchen… und mich wiederfinden.“

Dieses Problem ist für den ganzen sogenannten „westlichen Kulturkreis“ symptomatisch. Wir leben in einer bunten Welt der bedeutungsleeren Zeichen: Netflixserien, Zeitungsartikel, Demokratie-Werbeplakate an U-Bahnhaltestellen. Sie alle suggerieren eine Bedeutung, die sie nicht haben. Das ist eine Krankheit, von der wir alle gleichermaßen betroffen sind. Wir ahnen noch den alten Klang der Wörter, sind aber längst im Zeitalter des reinen Getöses angekommen. Denn das objektiv Wahre, Schöne und Gute ist uns gestohlen worden.

„Unsere westlichen Werte“

Dies hat auch politische Gründe. Der Bedeutungsentleerung der Zeichen ging die kulturrevolutionäre Entkernung der christlichen Moral voran, auf die wiederum die Moralisierung der Politik folgte. Entsprechend wird in der Politik eine Entscheidung anstelle durch Sachargumente regelmäßig mit „unseren westlichen Werten“ begründet. Dabei entstammt der Begriff des Wertes der Börse und bezeichnet etwas, das beliebigen Schwankungen unterworfen ist. Und so unterliegen auch „unsere Werte“ heute Kursschwankungen. Mitunter hat das Selbstbestimmungsrecht der Frau einen höheren Wert als das Recht auf Leben des ungeborenen Kindes. Und umgekehrt müssen Kinderbuchklassiker umgeschrieben werden, da diese „unseren heutigen Werten“ nicht mehr entsprechen, weil in ihnen ein „Negerkönig“ einen Auftritt hat. Somit ist alles beliebig geworden, es gibt nichts, worauf sich der Einzelne im objektiven Sinn berufen könnte. Auch deswegen sollen wir heute sein, was immer wir wollen. In seinem Klassiker „1984“ beschreibt Orwell dieses Spiel der Werte trefflich:

„Jede Aufzeichnung wurde vernichtet oder verfälscht, jedes Buch überholt, jedes Bild übermalt, jedes Denkmal, jede Straße und jedes Gebäude umbenannt, jedes Datum geändert. Und dieses Verfahren geht von Tag zu Tag und von Minute zu Minute weiter.“

Der Meisterdieb Arsène Lupin geht in diesem Spiel der Signifikanten jedoch noch einen Schritt weiter als Orwell. In Orwells Roman möchte der Staat die totale Macht. Arsène Lupin hingegen möchte uns, indem er uns in sein Spiel der gestohlenen Zeichen verwickelt, unserer Einbindung ins Transzendente, ins Göttliche berauben. Denn das postmoderne Spiel der Identitäten ist nicht ohne Ursache entstanden. Dieses Spiel ist eine Flucht des Abendlandes vor sich selbst, vor der bis zur Absurdität betriebenen analytischen Methode, dem Glauben des Fin de siècle, in einer Verabsolutierung der Rationalität bestünde die Zukunft „der Menschheit“.

Dem Europa des 19. Jahrhunderts gelang mit seinem über den gesamten Erdball reichenden aufklärerischen Licht die Unterwerfung der Welt. Die Völker Europas sahen die Welt offen vor sich liegen und teilten ganze Kontinente mit dem Lineal unter sich auf. Man stand auf dem Gipfel der Macht, war bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs das Zentrum der Welt. Europa hatte dem Erdkreis den Stempel seiner Zivilisation, seiner Rationalität, seiner weit überlegenen Technik aufgedrückt, so dass alles Dunkel, alles Unverständliche, alles Unbewusste gewichen war. Doch indem auch das Transzendente im Licht dieser Rationalität sich verflüchtigte, blieben die sprachlichen Zeichen leer zurück.

Ein Sherlock Holmes mit Schnappatmung

Insofern ist die Figur des Arsène Lupin nicht nur ein Kind seiner Zeit, sondern vor allem ein Symptom für den beginnenden Niedergang Europas. Indem der Meisterdieb der Hybris des Rationalen auswich, indem er den Opfern seiner Diebeskunst ein anderes Sein vortäuschte, erwies sich sein Spiel der Identitäten als sein eigentliches Sein: Unter dem Namen Horace Velmont begegnet er dem berühmten englischen Meisterdetektiv Sherlock Holmes, der gegenüber dem Franzosen nicht nur die analytische Methode, sondern den europäischen Geist der überlegenen Rationalität selbst verkörpert. Es scheint, dass unter dem strengen Auge des englisch-imperialen Detektivs der transzendente Klang der Wörter endgültig gewichen ist und die eigentliche Bedeutung der Zeichen unauffindbar wurde.

Geschickt weicht auch Arsène Lupin diesem Angriff des Rationalen auf seine wahre Identität aus. Zur Freude der französischen Leser stiehlt Arsène Lupin dem Meisterdetektiv die Uhr vom Arm, jenes präzise Messwerk, das in der Weltunterwerfung so wichtige Dienste leistete, um sie ihm später durch einen Kurier wieder zukommen zu lassen. Den sonst eher phlegmatischen englischen Detektiv führt dies zur Schnappatmung:

„‚Ah!‘ sagte er und begleitete diesen Ausruf mit einer wütenden Geste …“

Die umstehenden Franzosen brechen in Gelächter aus, als sie den stets analytisch argumentierenden Sherlock Holmes übertölpelt sehen. Auch im realen Leben beauftragte Conan Doyle, der Autor der Sherlock-Holmes-Geschichten, höchst verärgert seine Anwälte, in Frankreich juristisch zu intervenieren und Maurice Leblanc zukünftig daran zu hindern, den Namen Sherlock Holmes in seinen Arsène-Lupin-Geschichten auch nur zu erwähnen.

Für das Magazin „Je sais tout“, in dem die Arsène-Lupin-Geschichten als Fortsetzungsroman erschienen, wurde dies kurzzeitig zum Problem, gerade da man die Leser erfolgreich auf einen Zweikampf zwischen dem französischen Meisterdieb und dem englischen Meisterdetektiv eingeschworen hatte. Doch schnell fand sich eine Lösung. Aus Sherlock Holmes wurde in einem weiteren Spiel der Zeichen Herlock Sholmès, was sich auf Französisch („englisch“ betont) noch einmal lustiger anhörte, als der Name des „echten“ Sherlock Holmes für die französischen Leser ohnehin schon klang.

Der Weg aus der transzendentalen Obdachlosigkeit

Doch auch dieses Gelächter bleibt uns zu spät Geborenen, im Halse stecken. Denn als die Rationalität dem Abendland die Einbindung ins Transzendente gestohlen hatte, blieb nichts zurück, als ein leeres Spiel der Zeichen. Und so wird es unsere drängendste Aufgabe sein, möchten wir noch einmal die Flamme der Wahrheit und der Schönheit entfachen, unter den Scherben, welche die Postmoderne uns hinterließ, den verbindlichen Klang der Wörter und Zeichen wiederzufinden.

© Cover "Arsène Lupin gegen Sherlock Holmes", Matthes & Seitz, 2023

ASTER

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