The Water Cure. Roman von Sophie Mackintosh

Was, wenn in Zukunft Männer so toxisch werden, dass schon ihr Atem Frauen vergiftet und ein Kuss dazu führt, dass die Frau aus dem Mund blutet?

In ihrem Bestseller „The Water Cure“ verbindet die 1988 in Südwales geborene Autorin Sophie Mackintosch Elemente der keltisch-walisischen Mythologie mit feministischer Ideologie:

Drei Mädchen wachsen alleine mit ihrer Mutter auf einer einsamen Insel auf. Der Vater verstirbt angeblich bei einem Bootsunglück, ohne dass es Mutter und Töchter kümmert. Seine angespülten Überreste fasst die Mutter mit Gummihandschuhen an, um sich vor den männlichen Toxinen zu schützen, und verscharrt diese am Strand. Die Töchter bleiben gleichgültig.

Sophie Mackintosh c Alice Zoo1 - The Water Cure. Roman von Sophie Mackintosh
Die Autorin Sophie Mackintosh / (c) Alice Zoo

Gelegentlich kommen Frauen in Booten zu der Insel, um für mehrere Wochen in dem alten Hotel zu bleiben, in dem die vier Frauen leben. Sie unterziehen sich unter Anleitung der Mutter einem brutalen, esoterischen Ritual, um sich von den Toxinen der Männer, denen sie ausgesetzt sind, zu reinigen.

Ist die Reinigung erfolgreich, wird die Frau bei einer abschließenden Wasserkur fast ertränkt, was zu ihrer endgültigen Heilung von allen männlichen Toxinen führt:

„Das große Heilbecken schien zu warten, gefüllt mit Wasser, daneben der vertraute Salzkrug auf dem Boden. Mutter schöpfte mit beiden Händen Salz und streute es in einer anmutigen Spirale über die Oberfläche, ihre Bewegungen geschmeidig, als führe sie einen Tanz auf. Salziger und zähflüssiger als das Meer, eher wie unser eigenes Blut. Die Frau kniete mühsam nieder, ihr blaues Kleid raschelte leise, der Stoff warf Falten. Mutter legte ihre Hände sanft auf den Nacken der Frau und drückte ihr Gesicht langsam unter Wasser … Die Zeit verstrich, endlos.”

Die drei Töchter werden bei all dem abseitsgehalten, jeder direkte Austausch mit den anderen Frauen wird durch ihre Mutter unterbunden, so dass sie nur Versprengtes von den Frauen erfahren. So erzählen sich die Töchter, gehört zu haben, dass die Männer auf dem Festland so toxisch sind, dass mitunter schon eine Berührung ausreicht, um die Knochen einer Frau zu brechen. Regelmäßig betont die Mutter, wie glücklich sich ihre Töchter schätzen dürfen:

„Wir hatten Glück, denn wir waren nur einer minimalen Dosis männlicher Toxine ausgesetzt. Wir erinnern uns daran, wie jene Frauen aussahen, als sie zu uns kamen. Aber wir erinnern uns auch an die Wirkung, welche die Therapien auf sie hatten. Wie ihre Körper stärker wurden, bis sie endlich bereit waren, die Wasserkur zu durchlaufen.“

Doch auch die drei Töchter stehen unter dem strengen Regiment der Mutter und müssen sich immer wieder esoterischen Ritualen unterziehen, um sich von der allgegenwärtigen männlichen Toxität zu reinigen, die an stürmischen Tagen in dunklen Wolken vom Festland zu ihnen herüberweht. So müssen sie unter Wasser bis kurz vor dem Ersticken aushalten, bis alle männlichen Gifte abgeleitet sind. Hierdurch bilden sich Salzkristalle am Rande des Pools.

- The Water Cure. Roman von Sophie Mackintosh
The Fatigue – Mihail Zablodski, 2022

Schließlich tritt der Ernstfall ein. Zwei Männer und ein kleiner Junge stranden auf der Insel. Und das feministische Utopia bricht wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Die Töchter erblicken zum ersten Mal Männer und sind durch deren starre Blicke sowohl verunsichert, als auch auf eine vollkommen neue Weise erregt.

Während es zwei Töchtern gelingt, sich von den Männern fernzuhalten, fühlt sich Lia, die zweitälteste Tochter, von Llew, einem der Männer, angezogen und glaubt, ein Gefühl der Liebe bei ihm erwidert zu finden. Als die Mutter dies bemerkt, erklärt sie den Männern mit vorgehaltener Schusswaffe, dass jegliche Annäherung an ihre Töchter den Tod zur Folge haben wird. Dennoch verzögert sich die Abreise der drei Männer. Das Boot, das sie wieder abholen soll, will nicht eintreffen.

Auf einer Wanderung durch die mit Stacheldraht abgesperrten Abschnitte der Insel wird Lia schließlich von Llew geküsst. Die Interpretation dieser Szene in den großen linksliberalen Medien ähnelt sich. Exemplarisch sei hier die Kritikerin Laura Miller genannt, die in The New Yorker das Buch besprach:

„Er schätzt sie als die schwächste und wahrscheinlichste Kandidatin für eine Verführung ein, und natürlich gibt sie nach …“

Für das Literaturfeuilleton stand nach Erscheinen des Buchs 2018 die Interpretation im feministischen Sinne fest. Zwei Männer, deren einziges Ziel darin besteht, Frauen sexuell auszubeuten, machen sich die Ahnungslosigkeit der drei Töchter zunutze. Doch für Mackintoshs Dystopie spricht, dass der Roman vielschichtiger ist, dass man ihn zumindest in Teilen auch komplett anders lesen kann, als es die linken Kritikerinnen taten.

Denn durch die Begegnung mit Llew bekommt Lias Weltbild Risse und die junge Frau stellt Fragen. Nachdem Llew sie geküsst hat, blutet sie aus dem Mund. Doch woher kommt dieses Blut? Blutet sie aufgrund der männlichen Toxine, wie das der Welterzählung ihrer Mutter entspricht, oder blutet sie, weil sie sich zigmal panisch mit der Zahnbürste den Mund geschrubbt hat?

„Als ich das erste Mal ins Waschbecken spucke, ist es leicht blutig. Beim vierten Putzen ist es fast nur noch Blut, und ich weiß nicht, ob es seine Schuld ist oder meine, wenn ich mit aller Kraft mit der Zahnbürste mein Zahnfleisch schrubbe. Dann spüle ich mit klarem Wasser nach, weil ich nicht riskieren will, dass mich jemand sieht, wenn ich in die Küche gehe, um Salz zu holen. Ich gurgle und gurgle, bis mit Sicherheit jede Spur der Toxine im Abfluss ist.“

Es stellt sich also abseits der feministischen Interpretationen des Romans die Frage, ob die männlichen Toxine nicht eine Erfindung der Mutter sind, die ihre drei Töchter gänzlich abgeschieden von der Wirklichkeit in einer Wahnwelt aufgezogen hat.

Aus Angst vor den Toxinen der Männer eskaliert schließlich die Situation und an die keltische Mythologie mahnende Erzählstränge einer Blutschuld treten ans Tageslicht: Das feministische Utopia endet in einem brutalen Kampf um Leben und Tod. Das Magazin The Pool besprach im Sinne der feministischen Lesart das Buch als einen Heldinnenepos:

„In roher, eindringlicher Prosa lotet Mackintosh die Themen männliche Gewalt und wie wir Frauen uns davor schützen können, sowie Liebe, Schwesternschaft und Überleben aus. Ein hypnotisches, stürmisches Buch …“

Auch Margaret Atwood („The Handmaid’s Tale”) bezeichnete auf Twitter „The Water Cure“ im Januar 2019 als „Eine packende, finstere Fabel!“

Und so empfehle auch ich diesen (leider nur auf Englisch verlegten) Zukunftsroman zur Lektüre, gerade weil seine brutale Vision von einer solch kristallklaren, anderweltlichen Schönheit ist: Der alte Stamm der Amazonen ist immer noch am Leben.

ASTER

account android arrow-alt-circle-down arrow-alt-circle-left arrow-alt-circle-right arrow-alt-circle-up arrow-down arrow-left arrow-right arrow-up author bars behance blogger bluesky buffer caret-down caret-left caret-right caret-square-down caret-square-left caret-square-right caret-square-up caret-up cart-menu-1 cart-menu-2 cart-menu-3 cart-menu-4 categories chevron-down chevron-left chevron-right chevron-up clock close comments cookies copyright coupon-discount date-modified date-published discord double-arrows-down double-arrows-left double-arrows-right double-arrows-up dribbble envelope-open envelope eye facebook fax flickr foursquare github gmail google-drive grid-view hashtag hollow-ring homepage instagram ios level-down-alt level-up-alt line link linkedin list-view login logout long-arrow-alt-down long-arrow-alt-left long-arrow-alt-right long-arrow-alt-up mastodonmedium messenger mobile-menu mobile phone pinterest place qq quote-left quote-right quotes reading-time-hourglass reading-time-stopwatch reddit rss scroll-to-top search shazam shopping-bag shopping-cart side-panel-opening-2-left side-panel-opening-2-right side-panel-opening-left side-panel-opening-right skype slack small-arrow-down small-arrow-left small-arrow-right small-arrow-up sms snapchat soundcloud spinner spotify stackoverflow sync telegram threadstiktok times-circle tinder trello tripadvisor tumblr twitch twitter viber vimeo vine vkontakte website wechat whatsapp windows wishlist xing yelp youtube zoom